Unterbrechung von (unerwünschtem) Verhalten

immer wieder wird diskutiert, ob es wichtig und sinnvoll ist ein Abbruchsignal aufzubauen, um den Hund an unerwünschtem Verhalten hindern zu können. Vor allem bei noch nicht ausgebildeten Hunden, Welpen oder frisch übernommenen Hunden scheint eines der am häufigsten gebrauchten Signale "Nein", "Schluss" oder "Aus", meist in einem genervten oder sehr lauten Tonfall zu sein. Viele Menschen wissen sehr genau, welches Verhalten sie bei ihrem Hund nicht haben möchten oder unterbinden wollen.

  •  der Hund soll NICHT an der Leine ziehen
  • der Hund soll NICHT hochspringen
  • der Hund soll NICHT jagen
  • der Hund soll NICHT........

häufig fällt es Hundehaltern sehr schwer zu formulieren, was der Hund denn stattdessen tun soll. Viele sind auch sehr verwundert, wenn sie aufgefordert werdenzu formulieren, welches Verhalten sie sich von ihrem Hunde wünschen: Er soll eben NICHT....Alle diese Ziele könnte man aber auch so formulieren, dass deutlich wird, welches Verhalten stattdessen erwünscht ist

  • der Hund soll an lockerer Leine gehen
  • der Hund soll bei Menschenbegegnungen mit vier Pfoten auf dem Boden bleiben
  • der Hund soll bei Wildgeruch oder Wildsichtung ansprechbar bleiben und vorstehen
  • der Hund soll...

Dabei ist es ausgesprochen hilfreich und verändert den Umgang mit Hunden deutlich, wenn wir uns nicht immer darauf fokussieren, was alles an unerwünschtem Verhalten da ist, sondern uns darauf konzentrieren, wo unser Hund gutes Verhalten anbietet. Wie eine Trainerkollegin so treffend sagt: bevor ein Hund unerwünschtes Verhalten zeigt, gibt es immer noch einen Moment, in dem er erwünschtes Verhalten zeigt

  • bevor ein Hund zieht, ist die Leine noch einen Moment locker
  • bevor ein Hund hochhüpft, hat er vier Beine auf dem Boden
  • bevor ein Hund losrennt, steht er vor oder schaut oder…
  • bevor der Hund…

Es geht dabei nicht darum, dass es nie vorkommen darf, dass ein Hund doch mal unerwünschtes Verhalten zeigt. Ein Beispiel: Wenn der Golden Retriever genüsslich wälzend im Güllefeld liegt, wird er aufgefordert, rauszugehen. Es geht darum bei Sichtung des Güllefeldes rechtzeitig zu sagen, dass daran vorbeigehen lohnenswert ist und der Retriever gar nicht erst im Güllefeld landet. Auch wenn der Hund schon auf dem Weg zum Güllefeld ist, muss es nicht zwingend ein Abbruchsignal wie „Nein“ sein, das ihn unterbricht, es könnte genauso gut ein Rückruf sein oder ein Signal zum Stehen bleiben oder die Aufforderung einen Handtouch zu zeigen. Diese Signale würden ebenfalls verhindern, dass der Hund sich im Güllefeld parfümiert.

Im Grunde ist es so, dass jedes Verhalten, das ein Hund zeigt, das vorherige Verhalten unterbricht, auch ohne extra Abbruchsignal. Ich kann also einen Welpen, der auf das Sofa zurennt, einfach umlenken, ansprechen und woanders hinschicken. Wenn ich das genauso zuverlässig mache, wie ein Nein zu rufen, wird der Hund lernen, dass auf die Couch springen nicht erwünscht ist bzw. das vorbeilaufen wird zur Gewohnheit und das hinaufspringen nicht geübt (und was nicht geübt wird, verliert sich). Auch wenn ein Hund gemarkert (ich persönlich finde damit ist es am einfachsten und effektivsten) und belohnt wird, wenn er auf dem Weg zu einem Menschen ist und noch alle vier Beine auf dem Boden hat, lernt der Hund, das sich das lohnt, wobei das Hochspringen nicht geübt - und der Vorgang des Hochspringens unterbrochen wird, ganz ohne Abbruchsignal. Würde das Abbruchsignal eingesetzt, muss zunächst dieses angewendet werden und anschließend ebenfalls dem Hund mitgeteilt werden, was er stattdessen tun soll. Ohne diesen Hinweis besteht sonst eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass zwar zunächst das aus Menschensicht unerwünschte Verhalten unterbrochen -, aber wenn keine weiteren Informationen folgen, fortgesetzt wird. Im Grunde ist es deshalb in vielen Situationen der schnellere Weg direkt ein anderes Verhalten abzurufen oder anzubieten.

Der Vorteil an dieser Vorgehensweise ist auch, dass die Frustration des Hundes und des Menschen anders als bei einem Training über Abbruch unerwünschten Verhaltens niedrig bleibt und das Training Spass macht, weil das erwünschte Verhalten im Vordergrund und im Fokus steht. So macht das gemeinsame Arbeiten einfach viel mehr Spass und die Lerneffekte sind sehr nachhaltig.

 


© Autorin Martina Maier-Schmid - entnommen aus dem Buch "Leben mit Hunden" erschienen April 2014 im Kynos-Verlag. Alle Rechte vorbehalten.