Knurren- Kommunikation oder ungebührliches Verhalten

 

Dürfen Hunde knurren? Und was ist, wenn ein Hund einen Menschen anknurrt? Muss das nicht sofort und konsequent unterbunden werden? Schließlich muss der Hund doch wissen, dass er das auf gar keinen Fall darf. Solche und ähnliche Formulierungen lese und höre ich häufig. Deshalb möchte ich dieser Frage etwas ausführlicher nachgehen.

 

Knurren als Bestandteil des normalen Ausdrucksverhaltens

Hunde verfügen über eine Bandbreite an Signalen und Lauten, um mit anderen (Artgenossen, Menschen, belebte und unbelebte Umwelt) zu kommunizieren. Aggressionsverhalten gehört zum normalen, angeborenen und überlebensnotwendigen Verhaltensrepertoire eines Hundes. Es ist somit weder moralisch gut noch schlecht. Knurren dient dazu, dem Gegenüber deutlich zu machen, dass eine weitere Annäherung nicht erwünscht ist und u.U. auch nicht geduldet werden wird. Das Knurren steht in der Regel nicht direkt am Beginn der Kommunikation. Häufig zeigen Hunde vorher bereits eine Reihe von sogenannten Konfliktsignalen (teilweise wird auch der Begriff Beschwichtigungssignale verwendet), die dazu dienen eine Situation nicht eskalieren zu lassen:

 

Je nach Hund, seinem Erregungsverlauf, seiner Fähigkeit zur Impulskontrolle, seiner grundsätzlichen Bereitschaft Konflikte auszutragen und je nach Situation, wird die Schnelligkeit der Abfolge der Eskalationsleiter unterschiedlich ausgeprägt sein.

 

Mögliche Auslöser für Konfliktsignale und Abwehrverhalten

Verhalten hat Ursachen, es gibt Gründe dafür, dass es gezeigt wird. Diese Ursachen sind vielfältig und hängen von einer ganzen Reihe von Faktoren ab. Ich möchte ohne Anspruch auf Vollständigkeit nachfolgend einige Möglichkeiten nennen:

 

  •  Unsicherheit, „Besorgtheit“ oder Angst vor einem bestimmten Auslöser
  •  plötzliche Berührungen
  •  etwas behalten wollen, etwas nicht aufgeben wollen, etwas nicht teilen wollen
  •  Berührungen nicht kennen, Berührungen schmerzen (Ohrentzündung, HD usw.)
  •  keine, mangelnde oder schlechte Erfahrungen
  •  ständige Einschränkungen, mangelnde oder übermäßige Auslastung/Beschäftigung, harte Erziehungsmethoden = hohe Frustration

 

All diese Gründe können zu Konfliktsignalen und Abwehrsignalen/Abwehrverhalten beim Hund führen. Wenn durch den Einsatz dieser Signale die Situation sich für den Hund so verändert, dass das Unangenehme für ihn aufhört, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er dieses Verhalten in der nächsten ähnlichen Situation erneut einsetzt- es wird also gelernt, welches der gezeigten Signale aus Hundesicht zum Erfolg führt.

 

Knurren verbieten – keine gute Idee

Wie oben beschrieben gibt es Gründe, wenn ein Hund knurrt. Er zeigt damit eindeutig, dass er in dieser Situation mehr Abstand und seine Ruhe haben möchte, weil er aus seiner Sicht dafür eine berechtigte Veranlassung hat. Es ist zunächst einmal nicht relevant, ob der Mensch diese Gründe für einsichtig oder stichhaltig hält, maßgebend ist die Bewertung des Hundes.

 

Wenn nun der Mensch das Knurren verbieten und unterbinden möchte, muss er Einfluss auf den Hund nehmen. In den meisten Fällen wird versucht, das Knurren zu unterbinden, in dem geschimpft wird („Nein“, Schluss“, „Aus“, „Pfui“) oder etwas getan wird, was den Hund entsprechend beeindrucken soll. Beispiele wären an der Leine zu rucken, zu zwicken , mit schmerzhaftem Druck über die Schnauze zu greifen, mit Leine/Wurfkette den Hund zu bewerfen u.a.M. In einer Situation, in der sich der Hund ohnehin schon nicht gut fühlt, fügt der Mensch einen weiteren unangenehmen, ängstigenden oder schmerzenden Reiz hinzu. Dies wird unter Umständen durchaus dazu führen, dass der Hund aus Angst vor diesen Einwirkungen das Knurren einstellen wird, allerdings wird er sich dann noch schlechter fühlen. Das heißt die emotionale Grundlage für das Abwehrverhalten wird verschärft und wenn Knurren als Abwehrverhalten nicht mehr möglich erscheint, wird der Hund zur nächst höheren Stufe des Abwehrverhaltens übergehen, also abschnappen, packen, beißen. Dies ist natürlich alles andere als hilfreich. Das Verbieten des Knurrens wird also nicht wirklich dazu führen, dass der Hund lernen kann, dass es keinen Grund gibt zu knurren. Er wird stattdessen lernen, dass Knurren die Situation verschlimmert. Das Knurren wird gehemmt und wenn sich die Situation dann nicht auflöst oder die erwartete negative Einwirkung ausbleibt, wird das Abwehrverhalten stärker und damit für das Gegenüber gefährlicher.

 

Muss man Knurren tolerieren?

Mit diesem Artikel soll keinesfalls Knurren gegenüber Menschen verharmlost werden. Wenn ein Hund Menschen anknurrt, sollte dies sehr ernst genommen und auch darauf reagiert werden. Die Reaktion sollte aber aus oben genannten Gründen nicht darin bestehen, das Knurren zu verbieten, sondern darin, herauszufinden, was den Hund veranlasst zu knurren und mit ihm daran zu trainieren, dass er diese Veranlassung nicht mehr sieht oder alternative Verhaltensweisen zum Knurren zeigen kann.

 

Wenn wir das auf die oben aufgezählten Gründe für Knurren anwenden, könnte das bedeuten:

 

  •  Unsicherheit, Besorgtheit oder Angst vor einem bestimmten Auslöser
    • Hund lernt durch Gegenkonditionierung, dass der Auslösereiz für ihn angenehme Konsequenzen hat und somit nicht bedrohlich ist und/oder dass er diesem ausweichen kann
  •  plötzliche Berührungen
    •  Berührungen können angekündigt und damit für den Hund berechenbarer werden
  •  etwas behalten wollen, etwas nicht aufgeben wollen, etwas nicht teilen wollen
    •  etwas abgeben lohnt sich, macht Spass und manchmal darf man es dann auch behalten
  •  Berührungen nicht kennen, Berührungen schmerzen (Ohrentzündung, HD usw.)
    •  Berührungen kennen lernen, Schmerzen behandeln
  • keine, mangelnde oder schlechte Erfahrungen
    • Erfahrungen behutsam sammeln dürfen und/oder über Gegenkonditionierung lernen, dass es auch anders sein kann
  • ständige Einschränkungen, mangelnde oder übermäßige Auslastung/Beschäftigung, harte Erziehungsmethoden = hohe Frustration
    • Veränderung der frustrierenden Ursachen

 

Es geht also nicht darum, Knurren zu tolerieren oder zu unterbinden. Es geht zunächst darum, es nicht als Unverschämtheit und persönlichen Angriff zu empfinden, sollte der Hund einen Menschen anknurren. Wir würden auch nicht jeden Menschen für einen potentiellen Gewalttäter halten, der ein Mal deutlich und rigoros sein Gegenüber auf Abstand hält. Wenn man Knurren und Abwehrverhalten als normales Verhaltensrepertoire begreifen kann, fällt es viel leichter, sich auf die Suche nach den Gründen für das Verhalten zu machen und mit dem Hund an Alternativen zu arbeiten. Es kann sehr sinnvoll sein, sich bei diesem Training von einem qualifizierten Hundetrainer/Verhaltenstherapeuten anleiten zu lassen.

 

Mir ist das vielleicht auch deshalb ein großes Anliegen, weil wir selbst mit einem Hund zusammenleben, der nicht mehr knurrt, wenn er sich bedroht oder seine Ressourcen gefährdet sieht, sondern nach einem sehr kurzen Einfrieren sofort zum Zupacken übergeht. Wir wissen nicht, was er erlebt hat, bevor er zu uns kam, aber wir können wohl mit Sicherheit sagen, dass er für Knurren heftig bestraft wurde und er so stattdessen gelernt hat, direkt zu packen und zu beißen. Und dies hätte ihn beinah das Leben gekostet. Dieses Schicksal teilen sicherlich viele Hunde und es könnte so leicht vermieden werden.

 

© Autorin Martina Maier-Schmid - entnommen aus dem Buch "Leben mit Hunden" erschienen April 2014 im Kynos-Verlag. Alle Rechte vorbehalten.