Die klären das schon untereinander

Wenn in unseren Familien mehrere Tiere gemeinsam leben sollen, wünschen wir Menschen uns, dass dies zwischen den Tieren konfliktfrei ablaufen kann. So war das auch bei uns, als Ayleen bei uns eingezogen ist. Schnell war damals klar, dass beide Hunde sich ihr Spielzeug nicht gerne vom anderen Hund direkt vor der Nase wegklauen lassen wollen. Auch wenn sie irgendwo gelegen und geruht haben, wurde eine zu direkte Annäherung des anderen durchaus mit der Forderung nach Distanz beantwortet. Also haben wir uns entschlossen unseren beiden Hundeschätzen zu helfen, miteinander zu leben. Schließlich konnten sie sich ja auch nicht aussuchen, mit wem sie zusammenleben werden.

Helfen bedeutet in diesem Fall, dass wir den liegenden Hund gelobt und belohnt haben, wenn er die Annäherung des anderen ohne offensives Abwehrverhalten aushalten oder sogar selbst aus der Situation weggehen konnte. Wenn es möglich war, haben wir dann den sich annähernden Hund ein kleines Stück vom liegenden Hund weggeholt, damit wieder mehr Distanz zwischen den Hunden entstehen konnte. Und diese Distanz war genau das, was der liegende Hund ja am meisten wollte, was er nun für ruhiges, aushaltendes Verhalten bekommen hat und nicht erst für aktives Droh- und Abwehrverhalten. Und so wurde es möglich, dass die beiden Schätze heute recht entspannt damit umgehen können, wenn sich der andere annähert und immer öfter liegen sie wie auf dem Bild dicht beisammen.

 

Warum haben wir das nicht die Hunde untereinander regeln lassen? Sie hätten doch sicherlich bald verstanden, dass der andere das nicht will und von selbst Abstand gehalten. Wir haben ein Mal eine Situation nicht kommen sehen. Ayleen lag schlafend auf Bens Weg zum Sofa. Er wollte auf das Sofa und lief an der schlafenden Ayleen vorbei bzw. fast über sie drüber. Ayleen schreckte hoch, knurrte ihn an und stellte ihn quasi an die Wand. Beide Hunde waren kurz völlig bewegungslos und steif bevor sich die Situation langsam auflöste. Danach traute sich Ben tagelang nicht mehr überhaupt an Ayleen vorbeizugehen. Erst nach einiger Zeit zeigte er für uns ersichtlich, dass er gerne auf seinen Sofaplatz gehen würde, sich aber nicht an Ayleen vorbei wagt. Wir haben ihm geholfen, sind aufgestanden und haben ihn vorbeigelotst und Ayleen dafür belohnt, dass sie es tolerieren konnte.  Für uns wäre es keine Lösung gewesen, dass unser Hund sich in den eigenen vier Wänden nicht mehr frei bewegen mag und kann, aus Sorge vor der Einschränkung durch den vierbeinigen Hausgenossen. Außerdem wollten wir auch keinerlei Risiko eingehen, dass Ben sich in einer ähnlichen Situation wehrt und die Hunde miteinander raufen, die Situation also eskalieren könnte. Wir können auch für diesen Fall nicht vorhersagen, wie die Hunde eine solche Auseinandersetzung verarbeiten würden und was dies wiederum für das weitere Zusammenleben bedeuten könnte. Wenn unsere Hunde schon nicht darüber entscheiden können, mit welchem Hausgenossen sie leben müssen, steht es in unserer Verantwortung dafür zu sorgen, dass sie sich zumindest entspannt und sicher miteinander fühlen können.

Auch bei Futtersuchspielen oder Leckerchengabe haben wir unsere Hunde von Beginn an unterstützt. Wenn beide ein Leckerchen erwartet haben, haben wir immer den Namen des Hundes gesagt, der das Leckerchen bekommen sollte. So wusste jeder, wann er was bekommt und der andere lernte, dass er auch was bekommen wird, wenn der erste was bekommt. Beide konnten so lernen ruhig abzuwarten bis sie dran sind. Vordrängeln oder dawzischen-schieben, wegrempeln war schlicht nicht nötig. Und derjenige, der das Leckerchen bekam, wusste, dass er es in aller Ruhe nehmen kann. Bei Suchaufgaben nach Leckerchen oder auch Spielis haben wir immer den Hund belohnt, der sich zurücknehmen konnte, wenn beide gleichzeitig am selben Objekt der Begierde waren. Deeskalierendes Verhalten soll sich lohnen und es gab eine gleichwertige Belohnung bei uns. Solange die Hunde das deeskalierende Verhalten an der Beute nicht von sich aus zeigen konnten, haben wir den Hund gerufen, der ein bisschen langsamer war und ihn bei uns mit etwas gleichwertigem belohnt. Heute kommen beide Hundeschnuten gleichzeitig beim Leckerchen an und einer von beiden überlässt es dem anderen (ich vermute der wäre halt eh schneller gewesen), schaut dafür erwartungsvoll mich an in der sicheren Annahme, dass er dann eben etwas Tolles von mir bekommt. Genauso läuft das bei Spielzeug ab.

 

Sollten wir uns jemals entscheiden einer Katze bei uns ein Zuhause zu geben, würden wir auch das Zusammenleben zwischen Katze und Hund unterstützen, sofern es nötig wäre. Natürlich kann ein Hund lernen, dass eine Katzenpfote auf seiner Schnute weh tut. Unter Umständen lernt er dann auch, die Katze in Ruhe zu lassen. Es könnte allerdings auch sein, dass die Katzenkrallen heftige und vielleicht sogar gefährliche Verletzungen verursachen, was nun wirklich keiner braucht. Außerdem könnte der Hund auch aus dieser Erfahrung lernen, dass die Katze, die ihm so weh getan hat, auf jeden Fall auf Abstand gehalten werden muss und somit erst Recht Verhalten zeigen, das die Katze vertreiben soll.

 

Auch Fremdhundebegegungen gestalten wir so, dass wir möglichst unseren Hunden helfen, friedliche Lösungen im Kontakt zu finden. Als Ayleen zu uns kam, war sie fremden Hunden gegenüber häufig wenig duldsam, hat sie schnell abgeschnappt und angebrummt. Wir haben sie dabei unterstützt, dass es sich lohnt, wenn sie die Annäherung fremder Hunde freundlich zulassen kann. Wir haben ihr gezeigt, dass sie aus solchen Situationen herausgehen und zu mir kommen kann, dann halte ich ihr den anderen Hund auf Abstand. Wir haben bewusst Hundebegegnugen so gestaltet, dass sie aus Ayleens Sicht o.k. waren und gut abliefen. Ich habe schon sehr lange keine Situation mehr erlebt, in der Ayleen andere Hunde weggeknurrt oder abgeschnappt hätte. Wenn es ihr zu viel wird, kommt sie meist zu mir, weil sie weiß, dass sie bei mir ihre Ruhe hat. Hätten wir es einfach laufen lassen, dass sie sich andere Hunde auf Abstand halten muss, hätte sie diese Strategie unter Umständen immer häufiger und intensiver, vielleicht sogar auf immer größere Distanzen gezeigt, da Knurren und Abschnappen als Möglichkeit sich Hunde vom Leib zu halten äußerst effektiv war. An ihrer emotionalen Befindlichkeit bei der Annäherung von Hunden hätte sich aber nichts verbessert, unter Umständen hätte sie sich beim Anblick von Hunden immer schneller bedrängt gefühlt. Und auch in diesem Fall wollten wir kein Risiko eingehen, dass ein anderer Hund sich aktiv wehrt und es zwischen den Hunden eskaliert.

Wir helfen unseren Hunden also im Kontakt untereinander, mit anderen Tierarten oder anderen Hunden deeskalierende und friedliche Lösungsstrategien zu finden. Damit wollen wir sicherstellen, dass die Hunde sich emotional gut fühlen, entspannt sein können beim Anblick anderer. Wir wollen vermeiden, dass sie durch unangenehme Erfahrungen mit anderen lernen, dass es doch notwendig ist, diese auf Abstand zu halten oder zu vertreiben. Und wir wollen sicherstellen, dass Eskalationen vermieden werden. Das hat nichts mit Verweichlichung oder Überbehütung zu tun, sondern damit, dass wir als Menschen die Verantwortung und Führung übernehmen für unsere Hunde. Gerade auch dann, wenn diese gar keine Wahlfreiheit haben, ob sie sich mit dem anderen Lebewesen beschäftigen wollen.

 

© Martina Maier-Schmid (März 2014)