Wer darf wem Grenzen setzen?

Bisher haben wir davon gesprochen, dass der Mensch dem Hund Grenzen zeigt, ihn einschränkt, Regeln aufstellt. Wie zuvor schon gesagt zum Teil unbewusst und natürlich auch mit bewussten Entscheidungen wie der, dass der Hund z.B. nicht auf dem Sofa schlafen soll.

Häufig hört man in Gesprächen zwischen Hundehaltern auch, dass Hund A Hund B in seine Grenzen verwiesen hat. Zum Beispiel ein erfahrenes erwachsenes Tier einen jugendlichen Wilden, der zu doll gespielt hat. Oder eine Hündin einen Rüden, der sie zu aufdringlich beschnüffelt hat. Oder ein Hund, der ein Stöckchen gefunden hat, das mit sich rumträgt und dem Hundekumpel durch Knurren mitteilt, dass er diesen Stock nicht mit ihm teilen möchte. Dies ist für viele Hundehalter in einem bestimmten Rahmen akzeptabel und gilt als normales Hundeverhalten. Ich finde es hier sehr wichtig, dass Menschen sehr genau darauf achten, wo das durchaus im Rahmen ist und wo es gilt, dem eigenen Hund zu helfen, denn es macht keinen Sinn, Hunde alles unter sich ausmachen zu lassen.

Manchmal berichten Hundehalter auch, dass ihre Hunde ihnen Grenzen setzen, z.B. weil sie einen Kauknochen verteidigen, sich nicht bürsten lassen wollen oder sich nicht von fremden Menschen anfassen lassen. Und hier wird es oft spannend. Sehr häufig wird in diesen Fällen der Ruf danach laut, dass dieses Verhalten keinesfalls zu tolerieren ist und der Hund in seine Schranken verwiesen werden muss, ganz klare und eindeutige Grenzen braucht. Es ist spannend, dass das so ist. Dass wir Menschen mit einer großen Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass wir das Recht haben, unseren Hunden Grenzen zu setzen, ihnen also Einschränkungen ihrer Bedürfnisse und begrenzende Regeln aufzwingen dürfen. Aber es ist nicht vorstellbar, dass der Hund auch mal seine Grenzen aufzeigen darf und damit den Menschen in seinen Anforderungen und Bedürfnissen einschränkt.

Ich finde es wichtig, dass auch Hunde zeigen können, was sie nicht wollen oder können, wo ihre Grenzen sind. Ein Welpe, der sich nach 15 Min Spaziergehzeit hinsetzt und nicht weiter möchte oder beginnt in die Leine zu knappen, ist eben nicht per se stur, sondern müde, überlastet, hat bereits genug Auslauf und Eindrücke gesammelt. Mit seinem Verhalten zeigt er seinem Menschen, dass er an seiner aktuellen Belastungsgrenze angekommen ist und begrenzt damit die Lauffreudigkeit seines Menschen. Es ist hilfreich, wenn der Hundehalter dies erkennen kann und zukünftig seine Runden besser an das Alter und die Belastungsfähigkeit seines Welpen anpasst, um diesen nicht permanent zu überfordern. Mit zunehmendem Alter wird der Welpe ganz von alleine leistungsfähiger und belastbarer, immer im Rahmen seines eigenen Persönlichkeitsrahmen.

Ein Hund, der sich nicht gerne anfassen und kämmen lässt, ist vielleicht grundsätzlich einfach berührungsemfpindlich. Vielleicht hat er aber auch Verspannungen, Verletzungen, Gelenkserkrankungen und damit Schmerzen bei Berührungen. Vielleicht sieht er schlecht und erschrickt daher bei für ihn plötzlicher Berührung. Vielleicht hat es auch einfach schon mal geziept als er gekämmt oder gestreichelt wurde und er hat sich das gemerkt. Oder es gibt schlechte Erfahrungen mit schlagenden menschlichen Händen. Das sind doch alles nachvollziehbare gute Gründe für das Verhalten des Hundes. Natürlich ist es dennoch sinnvoll und notwendig, dass ein Hund lernt sich anfassen zu lassen. Und je nach Rasse sollte er sich möglichst auch kämmen lassen. Das kann er ja auch (wieder) lernen. Wenn der Mensch akzeptieren kann, dass der Hund ihm da zunächst eine Grenze setzt, kann er sich Gedanken darüber machen, wie er seinem Hund vermitteln kann, dass anfassen und kämmen ertragbar sein können oder vielleicht sogar genossen werden können. Es liegt dann am Menschen sich ein kleinschrittiges Training zu überlegen, wie er dem Hund das vermitteln kann.

Ein Hund, der einen Kauknochen verteidigt, will diesen vielleicht einfach behalten, weil er ihn so toll findet und nicht gerne teilt. Vielleicht hat der Hund aber auch nur gelernt, dass es für ihn gefährlich wird, wenn Menschen sich ihm nähern, solange er gerade einen Kauknochen bearbeitet. Zum Beispiel weil die Menschen ihm den Knochen ständig grundlos weggenommen haben, ihn körperlich dafür gestraft haben, wenn er mit dem Kauknochen ausbüchsen wollte oder sich über ihm abgeduckt und die Zähnchen gezeigt hat. Und selbstverständlich ist es wichtig, dass dieser Hund lernen darf, dass es keinen Grund gibt seinen Kauknochen zu verteidigen. Es wird nur wenig nützen, ihn dafür abzustrafen (ihn in seine Grenzen zu weisen), dass er ihn verteidig und ihm den Knochen dann abzunehmen, weil er damit meist nur lernt, dass es wirklich dringend nötig ist, den Knochen zu verteidigen. Aber sein Mensch kann ihm beibringen, dass die Annäherung des Menschen etwas Gutes ist, keine Gefahr darstellt und es damit schlicht keinen Grund gibt den Kauknochen zu verteidigen.

Mit anderen Worten, wenn Hunde in welcher Form auch immer uns Menschen eine Grenze setzen, geben sie uns damit auch eine wertvolle Information. Sie zeigen normales Säugetierverhalten, in dem sie für ihre Bedürfnisse „streiten“. Dann liegt es am Menschen diese Information des Hundes aufzunehmen und sich zu überlegen, ob z.B. Verletzungen oder Erkrankungen dem Verhalten ursächlich zu Grunde liegen. Dann hilft eine medizinische Behandlung. Wenn die körperliche Ursache ganz ausgemerzet werden kann, kann das Verhalten sogar völlig ohne Training und ohne jede Grenzsetzung durch den Menschen verschwinden. Liegen andere Beweggründe hinter dem Verhalten, liegt es am Menschen, sich darüber Gedanken zu machen, wie er dem Hund vermitteln kann, dass es in dieser und ähnliche Situationen gar keine  Grund gibt, dem Menschen Grenzen zu setzen. Und so können Grenzen verschoben oder abgebaut werden und das kann sogar Mensch und Hund auch noch Spass machen.

Und ich bin der Überzeugung, dass es auch Grenzen gibt, die der Hund setzt, die vom Menschen akzeptiert werden können oder gar müssen. Wenn wir annehmen, dass ein Mensch sehr gerne mit seinem Hund auf dem Sofa kuscheln möchte, der Hund aber einfach nicht gerne auf dem Sofa liegt (vielleicht weil ihm es da zu warm ist), dann kann auch der Mensch darauf verzichten, sein Bedürfnis, auf dem Sofa zu kuscheln, auszuleben und sein Kuschelbedürfnis mit dem Hund an anderen Orten oder Plätzen stillen. Oder ein Mensch sucht sich mit viel Umsicht und Überlegung einen Hund aus, weil er mit diesem Agility machen möchte oder ihn zum Altenheimbesuchshund ausbilden möchte. Und mit der Zeit zeigt sich, dass dieser individuelle Hund daran keinen Spass hat oder sogar damit überfordert ist. Dann ist das eine Grenze, die akzeptiert werden kann und wie ich finde auch sollte. Es ist ja auch eine Grenze, die dem Hund selbst gesetzt ist. Oder ein Hundehalter liebt es mit seinem Hund beim Gassigehen andere Hunde und deren Menschen zu treffen und geht gerne in stark frequentierte Hundeauslaufgebiete, wo immer viele Hunde sind und die Hunde zusammen spielen können. Und dieser Mensch nimmt nun einen Hund auf, der nicht gerne mit anderen Hunden spielt, der Angst vor anderen Hunden hat oder mit mehreren Hunden gleichzeitig nicht zurecht kommt, der vielleicht sogar mit Abwehrverhalten auf andere Hunde reagiert. Auch hier ist es sinnvoll, dass der Mensch akzeptieren lernt, dass er den Hund mit seinen Anforderungen überfordert und das eigene Bedürfnis nach Sozialkontakten vom Hund nicht im selben Ausmaß geteilt wird. Um eine mögliche Eskalation des Verhaltens zu verhindern, macht es Sinn die Spaziergänge anzupassen an die Bedürfnisse des Hundes. Der Hund verhält sich ja auch nicht so, weil er seinem Menschen eine Freude vermiesen möchte, ihn ärgern oder manipulieren oder seine Grenzen austesten möchte, sondern weil er aus welchen Gründen auch immer nicht mit den Anforderungen zurecht kommt. Auch daran kann sicherlich gearbeitet werden, aber ob so ein Hund jemals ein Hundegruppen-liebhaber werden kann, bleibt abzuwarten. Und natürlich ist das dann für den Hundehalter unter Umständen sehr schwierig, die eigenen Bedürfnisse nach Sozialkontakt zu anderen Hundehaltern nicht einfach so leben zu können. Aber auch das ist eine Grenze, die ja auch dem Hund gesteckt ist, die u.U. akzeptiert werden muss, um den Hunde nicht permanent zu überfordern.