unbewusstes Setzen von Grenzen

Bereits im täglichen Miteinander bestimmt der Hundehalter über etliche Belange des Hundes.

In aller Regel bestimmt der Mensch

  • wann der Hund etwas zu essen bekommt
  • ob es eine oder mehrere Mahlzeiten am Tag gibt
  • mit welchem Futter/mit welchen Nahrungsmitteln der Napf gefüllt ist
  • wann und wie oft Gassi gegangen wird
  • wie lange die Gänge dauern
  • was auf den Spaziergängen gemacht wird
  • wie häufig der Hund zusätzlich zum Lösen raus darf
  • wohin die Spaziergänge führen
  • ob der Hund frei laufen oder an der Leine gehen muss
  • ob er unterwegs zu anderen Hunden Kontakt haben darf

Der Mensch entscheidet darüber

  • welche Beschäftigungsmöglichkeiten er dem Hund anbietet
  • die Anzahl und Beschaffenheit der Liegeplätze
  • Ort der Liegeplätze
  • wann und wie lange geruht werden soll
  • wer alles im Haushalt leben soll (Katzen, weitere Hunde, Kinder)
  • wohin der Hund mitgehen soll (Restaurant, Stadtbummel )
  • oder ob und wie lange  er alleine zuhause bleiben soll
  • ob der Hund mit in den Urlaub fährt oder in dieser Zeit von anderen Menschen betreut werden soll.

Und der Mensch entscheidet in aller Regel darüber, ob ein Hund kastriert wird oder nicht und ob er sich fortpflanzen darf oder nicht.

Viele dieser Grenzsetzungen ergeben sich einfach aus den Alltagsstrukturen des Hundehalters und den Anforderungen von Familie und Beruf, kombiniert mit den eigenen Bedürfnissen des Hundehalters. Meine Fütterungs- und Gassizeiten frühs werden durch Arbeitsbeginn und Tablettengabe bestimmt und lassen auch mir nur ein enges Zeitfenster. Auch wenn meine Hunde vielleicht gerne einen ausführlicheren ersten Gassigang absolvieren würden, lassen dies meine Alltagsstrukturen und mein Schlafbedürfnis nur schwer zu. All diese Einschränkungen begrenzen die Selbstbestimmung des Hundes, lassen bedingt Spielraum für eigene Entscheidungen des Hundes, das zu machen wozu er Lust hat, wonach er Bedürfnisse hat.

Und nicht immer findet ein sinnvoller Abgleich statt, ob das auch mit den Bedürfnissen und Fähigkeiten des Hundes übereinstimmt. Bei den Gassizeiten müssen meine Hunde sich nach dem richten, was mir möglich ist und schaffen das glücklicherweise auch gut. Hier wäre eine andere Lösung für mich sehr schwierig. Dennoch wäre es etwas, was ich ggf. überdenken müsste, wenn meine Hunde während ich auf der Arbeit bin, die Wohnung auseinandernehmen würden, weil sie unausgelastet wären und/oder Langeweile hätten. Es wäre dann unfair, nur von den Hunden zu fordern, dass sie das gefälligst zu ertragen haben, wenn sie es einfach nicht schaffen, also ihnen in ihren Fähigkeiten für die Bewältigung dieser Anforderung Grenzen gesetzt sind. Dann ist es an mir, zu überlegen, wie ich den Hunden beibringen kann, dass sie diese Situation bewältigen können. Oder nach Lösungen zu suchen, wie ich die Situation verändern kann. Nicht jede unbewusste Grenzsetzung ist grundsätzlich ein Problem, aber es lohnt sich, sich bewusst zu machen, wo wir überall ohne drüber nachzudenken, bereits die Hunde einengen, begrenzen, einschränken und ob das so bleiben muss, so bleiben kann oder ob es gute Gründe geben könnte, hier das ein oder andere zu verändern. Vor allem bei Verhaltensproblemen, die auf Nährboden von Frustration entstehen, lohnt sich hier eine klare Analyse, weil die Summierung von Einschränkungen eine Rolle spielen kann und kleine Änderungen und Erleichterungen für die Problemlösung hilfreich sind. Auch dann, wenn das Problemverhalten nicht in direktem Zusammenhang mit der Einschränkung steht, die verändert werden kann.

Einem Hund, der draußen jeden entgegenkommenden Hund verbellt und dabei in die Leine steigt, weil er durch die Leine, die ihn daran hindert hinzulaufen, frustriert ist, kann es helfen, wenn er daheim z.B. die Liegeplätze frei aussuchen kann und dabei nicht auch noch in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird. Es könnte helfen, wenn dieser Hund nicht zu jedem Stadtbummel mitgenommen werden muss, wo er überfordert ist. Sinkt insgesamt die Frustration ab, wird es leichter werden, an den Hundebegegnungen zu arbeiten, weil der Hund nicht mehr ganz so schnell aus dem Fell hüpft.

Ich erlebe häufiger, dass Hundehalter ihren Hunden viel zu viele Grenzen setzen, zu viel reglementieren und vorschreiben und etliche unerwünschte Verhaltensweisen wie Unruhe und hibbeliges Verhalten, häufiges Bellen oder auch Abwehr- und Aggressionsverhalten eine Auswirkung der dadurch entstehenden Frustration sind, und nicht wie oft behauptet ein Ausdruck davon, dass zu wenig Grenzen gesetzt werden. Und auch hier ist mir wieder wichtig, nicht in Schubladen oder schwarz weiß Kategorien zu denken: auch unberechenbare Regeln oder zu wenig Regeln können zu Problemen führen. Dies sollte ebenfalls immer individuell für jedes Mensch-Hund-Team angeschaut und beide Möglichkeiten in Betracht gezogen werden.

Ich rate Neukunden häufig dazu, in den Tagen nach unserem ersten Treffen darauf zu achten, wie häufig sie im Tagesablauf zu ihrem Hund Nein, Lass das, Hör auf, aus, Schluss usw. sagen, weil das häufig sehr unbemerkt, also unbewusst geschieht. Meist kommen da etliche Neins zusammen und weit mehr, als die Kunden vermutlich erwarten würden. Wir alle wachsen in einer Gesellschaft auf, die stark auf Fehler achtet, kommentiert, was nicht gut läuft und Begabungen, gutes Verhalten schlicht als Selbstverständlichkeit hinnimmt. Dieses Prinzip kann man hinterfragen und sollte es auch hinterfragen.

Es macht nämlich weder dem Menschen noch dem Hund Freude, wenn dauernd ein Nein kommt. Es ist Frustrierend, führt zu Verärgerung und schafft schlechte Stimmung, lenkt die Aufmerksamkeit stark darauf, wo es noch hapert im Zusammenleben. Auch für den Menschen ist das enorm anstrengend.

Außerdem enthält Nein für den Hund keine wirkliche Information. Ein Hund spricht kein „Mensch“, er hat kein genetisch fixierters Wissen darüber, was Nein bedeutet. Nein enthält für den Hund keine Information, es sei denn es wurde wie andere Wortsignale wie z.B. Sitz, Hier, Bleib aufgebaut und trainiert. Wenn es ohne vorherigen Aufbau als Signal dennoch eine Wirkung auf den Hund hat, rührt das daher, dass es meist unfreundlich oder sogar sehr barsch ausgesprochen wird und/oder mit einer bedrohlichen Körperhaltung des Menschen einhergeht. Ein Nein als Begriff drückt weder deutlich aus, welches Verhalten konkret stört, noch ist damit ausgedrückt welches Verhalten in dem Moment erwünschter wäre. Es gibt viele Situationen, in denen es der viel einfachere Weg wäre, dem Hund direkt zu sagen, was er tun soll, statt nur Nein zu sagen. Ein Hund der um einen herumhibbelt, weil man gerade die Schuhe zum Gassigehen anzieht und einen abküsst, könnte man einfach bitten in zwei Meter Entfernung abzusitzen. Wenn er das noch nicht kann, könnte man ihm ein Spieli in ein anderes Zimmer werfen, das der Hund holen und zum Menschen bringen kann. Mit einem reinen Nein hört er vielleicht mit dem Küssen auf, nimmt dann aber in seiner Aufregung dafür den Arm in den Fang oder einen Schuh und schon kommt das nächste Nein. Es ist viel einfacher, dem Hund konkret mitzuteilen, was man von ihm möchte, als ihn quasi raten zu lassen, was falsch war und was besser wäre.