Sind Grenzen notwendig?

Wenn mehrere Individuen zusammenleben bedeutet dies, dass jedes Familienmitglied- egal ob zweibeinig oder vierbeinig- seine eigenen Befindlichkeiten, Bedürfnisse, Vorlieben und Schwächen hat. Diese können durchaus gegensätzlicher Natur sein und in Konflikt miteinander geraten. Will man nun möglichst friedlich und harmonisch zusammenleben, benötigt man eine Einigung darüber, wie das Zusammenleben gestaltet werden soll. Optimal ist es immer dann, wenn sich Regeln finden lassen, bei denen möglichst viele Bedürfnisse aller einzelnen befriedigt werden können, weil dann alle zufrieden und ausgeglichen sein können und damit die Frustrationsgefahr für die einzelnen gering ist. Werden zu viele Regeln aufgestellt, die den Bedürfnissen eines Einzelnen widersprechen, wird dieser einen Weg suchen, seine Bedürfnisse dennoch irgendwie zu befriedigen. Die Regeln sollten dabei sinnvoll auf die jeweiligen individuellen Lebensbedingungen angepasst sein. Es ist schlicht unmöglich Regeln aufzustellen, die für alle Hund-Mensch-Beziehungen grundsätzlich immer gelten müssen. Es kann z.B. wie bei unserem Rüden sinnvoll sein, dass ein Hund lernt an der Haustür abzusitzen. Hätten wir jedoch einen eingezäunten Garten vor dem Haus, dann wäre diese Regel nicht zwingend nötig. Auch für meine Hündin gilt diese Regel nicht, da es bei ihr schlicht keine Notwendigkeit dafür gibt.

Regeln, die über Grenzen in der vorher genannten Definition gefunden werden, haben immer etwas mit Einschränkungen zu. Dabei gibt es einen, der das Gegenüber einschränkt und einen, der vom Gegenüber eingeschränkt wird.

 Häufig wird gesagt, dass Grenzen auch Freiheit geben. Dies gilt im Grunde aber nur für denjenigen, der die Grenze setzt. Er kann sich abgrenzen, kann damit seine eigenen Interessen und Bedürfnisse wahren. Derjenige, der eingeschränkt wird, wird sich aber in aller Regel nicht gut dabei fühlen. Es kann ausgesprochen frustrierend sein, wenn das Ausleben eigener Interessen oder Bedürfnisse immer wieder durch jemand anderen blockiert wird. Häufige Frustration wiederum kann rasch zu hoher Erregung und etlichen unerwünschten Verhaltensweisen führen. Deshalb ist es sinnvoll darüber nachzudenken, wo es sinnvoll und wichtig ist, den Hund durch bestimmte begrenzende Regelungen einzuschränken, wie man diese Einschränkungen einführt und aufbaut und wo es auch einfach unnötig ist. Darauf möchte ich noch etwas ausführlicher eingehen.

Wann setzen Lebewesen anderen Grenzen? Grenzen werden immer dann gesetzt, wenn man seine eigenen Bedürfnisse sichern möchte. Ein Hundehalter mag z.B. aus hygienischen Gründen keinen Hund auf dem Sofa und stellt deshalb die Grenze auf, dass der Hund nicht auf das Sofa gehen darf.

In der Hundeerziehung setzen Hundehalter häufig auch Grenzen, weil sie glauben, dass sie das müssen. Sie haben Bücher gelesen oder waren bei Experten, die ihnen sagen, wie nötig es ist Hunden unbedingt Grenzen zu setzen, sonst würden die Hunde irgendwann einfach tun und lassen, was sie wollen. Häufig werden als Erklärung hierfür Rangordnungstheorien herangezogen, Dominanzbeziehungen bemüht und erklärt, dass Hunde das untereinander auch so machen würden. Dann werden Trainings-anweisungen gegeben, die auf Verhaltenshemmung beruhen wie z.B.

  • Einsatz von Leinenruck
  • Einsatz von Würgehalsbändern
  • Einsatz von Wasser, um den Hund damit zu bespritzen
  • Einsatz von Körpersprache des Menschen, um den Hund zu blocken
  • Einsatz unterschiedlicher körperlicher Korrekturen wie Schnauzengriff oder Kicken in die Weichteile

Die Erklärungsmodelle, mit denen gerechtfertigt wird, dass solch gewaltvollen Mitteln gearbeitet werden darf oder gar muss, sind mittlerweile von Forschern durchaus widerlegt, nachzulesen z.B. bei David Mech oder auch John Bradshaw, werden aber immer weiter überliefert. Diese Argumente fallen vermutlich bei den Menschen auf besonders fruchtbaren Boden, denen es ein gewisses Bedürfnis ist, Kontrolle zu haben und auszuüben. Andere wiederum lassen sich darauf ein, weil ihnen Angst gemacht wird, dass der Hund ihnen sonst später auf der Nase herumtanzen würde und alles schrecklich werden würde. Ganz häufig wird auch damit gedroht, dass die Hunde dann aggressiv werden. Und Menschen, die selbst besorgt und vielleicht unerfahren sind und den Experten glauben setzen solche Trainingsanleitungen dann auch gegen den eigenen sogenannten gesunden Menschenverstand oder das eigene Bauchgefühl um.

Ich stelle jetzt mal die provokante Behauptung in den Raum, dass Hunde einfach danach streben, ihre Bedürfnisse zu leben. Darin unterscheiden sie sich nicht von anderen Lebewesen, anderen Säugetieren und auch nicht von uns Menschen.  Auch Hunde haben als biologisches Programm mitbekommen, dass sie ihr eigenes Wohlbefinden sichern wollen, für ihre Bedürfnisse sich einsetzen wollen. Das ist weder unbotmäßig, frech, stur oder dominant. Das ist im Grunde schlicht normal, arttypisch und nicht per se bestrafenswert. Dazu gehört auch, dass Hunde Verhaltensweisen zeigen können, die zur Sicherung der eigenen Bedürfnisse dienen und damit anderen Lebewesen Grenzen setzen. Dabei denke ich z.B. an Hunde, die andere Hunde auf Distanz halten möchten und diese verbellen. Oder Hunde, die ihre Ressourcen gegenüber Menschen verteidigen. Anderen Grenzen zu setzen, andere einzuschränken, sichert das eigene Wohlbefinden, weil die Grenze dann gesetzt wird, wenn das eigene Wohlbefinden bedroht ist. Das ist bei uns Menschen so- das ist auch bei unseren Hunden so.

Im Zusammenleben von Hunden und Menschen kann es kaum ohne Regeln für das Zusammenleben gehen, wie es ja auch im Zusammenleben menschlicher Familien nicht ohne Regeln gehen kann. Konflikthaft wird es immer dann, wenn sich die Bedürfnisse des Hundes und des Menschen stark unterscheiden und erst Mal unvereinbar scheinen. Und in diesem Fall ist es möglich einschränkende/begrenzende Regeln aufzustellen.

Bleiben wir bei dem Beispiel, dass ein Mensch es nicht mag, dass der Hund auf das Sofa darf. Sein Hund wiederum findet das Sofa als weichen, warmen, gemütlichen und schön nach Mensch duftenden Liegeplatz unwiderstehlich. Daraus entsteht ein Konflikt zwischen den Bedürfnissen des Hundes und den Bedürfnissen des Hundehalters, der irgendwie aufgelöst werden muss. Für eine Klärung gibt es immer mehrere Möglichkeiten. Der Hundehalter könnte, wie es auch häufig passiert, mit dem Hund schimpfen, wenn er ihn auf dem Sofa liegend findet oder wenn der Hund auf dem Weg zum Sofa ist. Er könnte ihn vom Sofa runterziehen, etwas nach dem Hund werfen, wenn er auf dem Sofa liegt usw. Eine andere Herangehensweise wäre es, dass der Hund schlicht lernen darf, dass er woanders ebenfalls komfortabel liegen und einen Großteil der Bedürfnisse warm, gemütlich, weich und schön nach Mensch duftend befriedigen kann. Das kann direkt auf dem Boden am Sofarand sein, das kann in einer besonders gemütlichen Liegestelle sein, das kann ein direkt an das Sofa angestellter Sofahocker sein, den nur der Hund benutzt oder was auch immer der jeweiligen Familie an kreativen Möglichkeiten einfällt. Wie gut der Hund die Alternativen annehmen kann, hängt von etlichen Faktoren ab wie z.B.

  • wie groß ist das Bedürfnis des Hundes nach dem Sofaplatz
  • wie gut sind die wirklichen Bedürfnisse des Hundes zu erkennen und wie gut können sie bei Alternativen berücksichtig werden
  • wie leicht und schnell lernt der Hund
  • wie trainigserfahren sind die Menschen bereits
  • wie konsequent können die Menschen das Training umsetzen

Es hat nichts mit Dominanz oder Rangordnung zu tun, ob es gelingt dem Hund beizubringen nicht auf dem Sofa zu liegen und einen anderen Liegeplatz anzunehmen. Ich bevorzuge den Weg, dem Hund beizubringen woanderszu liegen. Warum das so ist, wird später im Vortrag noch deutlich werden.

Hinter einem bestimmten Verhalten, das ein Hund zeigt, steht ein bestimmtes Bedürfnis des Hundes. Wenn Bedürfnisse nicht ausgelebt werden können, führt dies zu Frustration. Selbstverständlich gehört ein gewisses Ausmaß an Frustration zum Leben und es ist sicher auch nicht möglich und auch nicht das Ziel, Frustration immer zu vermeiden. Wie stark ein Hund durch eine Einschränkung frustriert wird, hängt zum Einen damit zusammen, wie stark das Bedürfnis ist, das hinter dem begrenzten Verhalten steckt. Ein Hund, der sich gerne viel und schnell bewegt, bewegungsfreudig ist, wird durch eine Leineneinschränkung mit hoher Wahrscheinlichkeit  frustrierter sein, als ein Hund, der eher gemütlich vor sich hintingelt und es aus sich heraus erstrebenswert findet,  auch beim Gassi häufig in der Nähe seines Menschen zu sein .

Zum Anderen wird die Frustration steigen, je mehr Bedürfnisse durch Einschränkungen und Begrenzungen des Menschen nicht gelebt werden können. Ein Hund, der z.B. zuhause im Gang bleiben muss, draußen immer an der Leine gehen muss, kein Mauseloch ausbuddeln darf, nicht an Urinstellen oder anderen spannenden Stellen schnüffeln darf, nicht über Urinstellen markieren und danach scharren darf, wenig Hundekontakte haben darf, für Essen immer vorher eine Leistung erbringen muss, nur dahin gehen darf, wohin der Mensch ihn schickt, nie Kuscheleinheiten oder Spieleinheiten mit dem Mensch einleiten darf usw. wird aller Wahrscheinlichkeit nach viel Frustration empfinden. Hohe Frustration ist sehr häufig eine Grundlage für die Entstehung von hyperaktivem, jagdlichem oder aggressivem Verhalten.

Das Ausmaß der Frustration, das beim Hund durch einschränkende Regeln, Grenzen entsteht hängt also von der Anzahl der Einschränkungen und der Stärke des Bedürfnisses ab, das dem Verhalten, das eingeschränkt werden soll, zu Grunde liegt.

Und weil hohe Frustration quasi der Reihenhausnachbar vieler typischer Verhaltensprobleme unserer Hund ist, ist es sehr sinnvoll und notwendig, dass Hundehalter sich damit auseinandersetzen

  • welche Bedürfnisse der eigene Hund hat
  • welche Einschränkungen/Grenzen im gemeinsamen Zusammenleben wirklich notwendig und sinnvoll sind
  • wo die ein oder andere Regel vielleicht schlicht auch unsinnig und unnötig ist
  • wie man einschränkende Regelungen so setzen kann, dass dies möglichst schonend für den Hund geschehen kann.

 Begegnen sich aber die Bedürfnisse des Hundes und der Menschen, müssen keine Einschränkungen um ihrer selbst willen aufgestellt werden, wie es durchaus noch in der Literatur zu finden ist. Damit meine ich grundsätzlich für alle gütlige Regeln wie der Hund darf nicht auf erhöhten Liegeplätzen liegen, darf nie etwas zu essen bekommen bevor der Mensch etwas gegessen hat, muss immer weichen, wenn er dem Menschen im Weg liegt, darf nie vor dem Menschen zur Tür hinaus, muss immer hinter dem Menschen gehen usw.

Bleiben wir wieder beim Beispiel mit dem Sofa: alle genießen es gemeinsam auf dem Sofa zu kuscheln, dann darf das auch gelebt werden, solange niemand Drittes geschädigt wird. Hier ist es nicht sinnvoll eine einschränkende Regel um ihrer selbst willen aufzustellen. Hier gibt es dann eine erlaubnisgebende Regel, dass der Hund jederzeit auf das Sofa gehen darf. Oder der Hund lernt, dass er immer dann auf das Sofa gehen darf, wenn dort eine bestimmte Decke liegt. Dieses Beispiel macht noch mal sehr deutlich, dass Regeln, die für alle Mensch-Hund-Familien gelten sollen, nicht sinnvoll und hilfreich sind. Es ist sinnvoll immer individuell erlaubnisgebende Regeln und einschränkende Regeln/Grenzen zu definieren, weil sowohl die Bedürfnisse der Hunde als auch die der Menschen eben unterschiedlich sind.

Die bisherigen Überlegen sollen kein Plädoyer dafür sein, dass es für das Zusammenleben zwischen Mensch und Hund keinerlei Regeln bedarf und Hunde all ihre Bedürfnisse grundsätzlich frei ausleben dürfen müssen. Es braucht im Zusammenleben zwischen Hund und Mensch ein Übereinkommen, was erlaubt ist und was nicht, welches Verhalten wann erwünscht ist, welche Bedürfnisse des Hundes in welchem Kontext ausgelebt werden können und welche nicht. Diese Abwägungen finden auf der Grundlage statt, dass die Hunde in unserer komplexen Welt auch geschützt werden müssen, dass manche Verhaltensweisen für Mitmenschen nicht akzeptabel sind und natürlich auch in der Abwägung zwischen den Bedürfnissen des Hundes und denen seines Halters. Hunde, die sofort aus dem Kofferraum springen, wenn dieser geöffnet wird, leben einfach gefährlich, wenn sie dabei ggf. direkt in das nächste Auto rennen. Hunde, die grundsätzlich jedem Fahrrad hinterherrennen, gefährden das Wohlbefinden und die Sicherheit von Mitmenschen. Hunde müssen nicht im Bett oder auf dem Sofa schlafen, wenn der eigene Halter das eklig findet.

Ich erlaube meinen Hunden mittlerweile beiden auf dem Sofa zu schlafen. Als unser Rüde zu uns kam, war ihm das verboten, weil er Nähe zu uns Menschen oft nur schwer aushalten und in Abwehrverhalten verfallen konnte. Meine Hunde dürfen nicht einfach zur Haustür hinausrennen, weil da direkt ein Fußweg kommt. Hätten wir einen Garten, wäre mir das egal. Ben muss absitzen und warten, bis ich den Futternapf abgestellt habe und wieder ein zwei Schritte davon weggegangen bin, Ayleen hält ohnehin Abstand zu mir bis der Napf auf dem Boden steht und muss das deshalb nicht. Sie kann mich bis zum Abstellen des Napfes auf dem Weg begleiten.

Es ist also sinnvoll und notwendig Regeln zu finden für das gemeinsame Zusammenleben. Immer da, wo es der Sicherheit dient für Hund und Mensch. Und selbstverständlich auch in Abwägung mit den Bedürfnissen des Menschen. Aber es lohnt sich drüber nachzudenken, wie viele einschränkende, Grenzen setzende Regeln es für das individuelle Mensch-Hund-Team braucht und wie viele erlaubnisgebende Regeln es für das individuelle Mensch-Hund-Team geben kann.

Ganz wichtig ist es auch, dass Regeln, die aufgestellt werden für den Hund berechenbar, einschätzbar sind. Es ist für einen Hund nicht nachvollziehbar, wenn er ein Mal im Bett schlafen darf und ein anderes Mal dafür bestraft wird. Ein Hund, der nie weiß, ob er ein Verhalten zeigen darf oder nicht, gerät durch diese Erwartungsunsicherheit in einen enorm hohen Stress mit all den bekannten möglichen Nebenwirkungen. Das wiederum sagt aber nichts darüber aus, wie viele Regeln für das individuelle Mensch-Hund-Team sinnvoll sind und wie viele davon einschränkende/begrenzende Regeln sind und wie viele aus der Erlaubnis bestehen, die Bedürfnisse ausleben zu können oder wo man eben gute Kompromisse findet. Dazu kommen wir später bei dem Punkt Grenzen ganz praktisch noch mal ausführlicher.