Ist Verhaltenshemmung für das Setzen von Grenzen notwendig?

So mit dem kleinen Ausflug in die Lerntheorie ist zwar deutlich geworden, dass Training über Verhaltenshemmung auch nicht so einfach ist, wie viele sich das vorstellen. Die Frage, ob das Leben und Training mit Hunden ganz ohne Verhaltenshemmung auskommt, wurde damit nicht beantwortet.

Im Leben mit unseren Hunden wird es vermutlich immer mal wieder auch dazu kommen, dass Verhalten gehemmt wird. Zum einen, weil das unbeabsichtigt passieren kann. Immer mal wieder habe ich Hunde im Training, die sich auf armeslänge vom Menschen entfernt halten, sobald sie merken, dass der Mensch was von ihnen will. Meist ist die Erklärung für das Meideverhalten gegenüber dem Menschen ganz einfach, dass der Mensch ein oder zwei oder drei oder??? Mal mit einer raschen zackigen Handbewegung nach seinem Hund gegrapscht hat, was der Hund unangenehm fand oder ihn gar erschreckt hat. Das passiert meist nicht absichtlich, sondern weil der Hund vielleicht droht vor ein Auto zu laufen oder sich nicht anleinen lässt und dem Menschen die Geduld ausgeht. Auch wenn man es im Alltag schlicht mal eilig hat, der Hund sich irgendwo total festgeschnüffelt hat, kann es sein, dass der Mensch den Hund über einen Leinenzug mitnimmt. Beim Leinenzug spannt sich die Leine langsam an und bringt den Hund damit aus dem Gleichgewicht. Das ist enorm wichtig im Unterschied zum Leinenruck, bei dem mit viel Power und kraft die Leine ruckartig gespannt wird, die Leine also einen Moment wieder locker durchhängt und dann mit Schmackes angezogen wird. Der Leinenzug gehört wie vorher besprochen angekündigt, unbedingt.

Viele Hunde, die ich kenne, lernen es gut schnell bei Begrüßung des Menschen mit vier Füßen auf dem Boden zu bleiben, wenn das unten bleiben häufig belohnt wird, gerne auch mit richtig viel Sozialkontakt durch den Menschen. Für manche Hunde ist das aber richtig schwierig, vor allem für die, die vor lauter Freude ganz aus dem Häuschen sind, wenn sie Menschen treffen und die dann auch noch sehr schnell sind in ihren Bewegungen. Da passiert es dann schon mal, dass sie eben doch auch noch hochspringen, weil so wenig Zeit für den Menschen bleibt, das noch mit vier Pfoten auf dem Boden sein, zu kommentieren und zu belohnen. Dann kann es durchaus Sinn machen, einen Schritt zurückzugehen und sich vom Hund weg zu drehen, so dass er wieder auf den Boden plumpst. Der Hund merkt, mit Hochspringen erreicht er das Ziel  nach Kontaktaufnahme und sozialer Zuwendung eben nicht. Aber es ist nicht nötig, das Knie nach oben zu ziehen, damit der Hund beim Hochspringen dagegen springt und sich dabei richtig weh tut oder laut Nein zu sagen dabei. Denn der Hund wird begreifen, dass er das, was er mit dem Hochspringen erreichen möchte, Kontakt und soziale Zuwendung, schneller erreichen kann, wenn er mit vier Pfoten auf dem Boden bleibt.

Sicherlich hat es auch Grenzen, wo man rein und ausschließlich über positive Verstärkung also Aufbau von erwünschten Verhaltensweisen- Hundeverhalten begrenzen kann.  Diese Grenzen hängen stark von der Motivation des Hundes für das Verhalten, das begrenz werden soll, ab. Es gibt Hunde, die nie so wirklich an der Leine ziehen, die fast von selbst lernen an einer lockeren Leine zu gehen. Ihnen reicht der Leinenradius aus, um ihre Erkundungs- und Schnüffelbedürfnisse zu erfüllen. Bei anderen Hunden wiederum muss schon ein bisschen an der Leinenführigkeit geübt werden. Sie lernen es aber zügig, in dem das lockere Leinelaufen immer wieder belohnt wird. Und dann gibt es wieder Hund, deren Drang die Umwelt zu erkunden so groß ist, die so bewegungsfreudig sind, dass das Gehen an der Leine eine richtig schwieriger Herausforderung für sie ist. Und hier ist wohl eine Kombination gefragt aus positiver Verstärkung für lockeres Leinegehen und der Konsequenz, dass auf Leinenzug der Weg keinesfalls zum begehrten Ziel führt, sondern sogar von diesem weg.

Unser Ben liebt die Küche sehr, da wird gekocht, da wird sein Essen gerichtet, da steht der Mülleimer und der gelbe Sack, aus denen er hin- und wieder leckere Dinge fischen kann. Wir mögen es nicht so unbedingt ihn beim Kochen ständig zwischen den Füßen zu haben und sind auch nicht begeistert, wenn er den Mülleimer oder den gelben Sack leerräumt. Deshalb hat Ben gelernt, dass er vor der Küchentür warten soll. Wir haben das Warten vor der Tür belohnt. Manchmal war das Verlangen aber doch so groß, in die Küche zu kommen. Dann haben wir ihn wieder aus der Küche raus geführt und auf dem Gang geparkt. Für das rausgehen gab es dann auch keine Belohnung.

Sicherlich wird es immer wieder vorkommen, dass ein Hund in Situationen kommt, in denen er aus unserer menschlichen Sicht unerwünschtes Verhalten zeigt, egal wie vorausschauend und umsichtig der Mensch auch mit seinem Hund unterwegs ist. Ein Hund, der in Hundebegegnungen mit Leinenpöbelei reagiert, lebt nicht im luftleeren Raum und manchmal kommt halt ein Hund plötzlich um die Ecke oder es geht jemand mit seinem Hund dort Gassi, wo man selbst gerade unterwegs ist und wo eigentlich nie jemand kommt. Oder man ist im Training soweit, dass man nun mit mehr Ablenkung üben möchte und verschätzt sich eben darin, was der Hund schon kann. Und wenn dieses Verhalten nicht weiter eingeübt werden soll, sollte es auch so schnell und so schonend wie möglich unterbrochen werden. Das ist nicht die Frage. Es ist allerdings nicht richtig, dass diese Unterbrechung nur und ausschließlich durch Verhaltenshemmung also Strafe erreicht werden kann.

Jedes gut aufgebaute Signal, kann unerwünschtes Verhalten unterbrechen, sofern der Hund es in diesem Moment noch ausführen kann. Ich habe einen Hund im Training, der gerne bellt, sobald er bissi aufgeregter ist. Die Halterin hat ihm beigebracht auf Signal seine Schnute in einen aus Daumen und Zeigefinger gebildeten Kreis zu stecken. Wenn sie ihm das sagt, wenn er bellt steckt er die Schnute in den Handkreis und hört auf zu Bellen, weil das mit dem Fang öffnen auch bissi schwierig ist zwischen den Fingern. Aufgebaut wurde das wie ein Trick und es war wichtig, als er grundsätzlich die Übung begriffen hatte, es unter immer leicht ansteigender Erregung abzufragen.

Ein gut trainierter Rückruf, dessen Belohnungen sich an den Bedürfnissen des Hundes orientiert haben, bricht Verhalten ab, wenn der Hund dem Reh hinterhergeht, einer Spur nachschnüffeln möchte oder den Hundekumpel begrüßen möchte.

Ein gut aufgebautes Stoppsignal kann helfen, um Verhalten zu unterbrechen. Ein solches Stoppsignal kann ein Sitz oder Platz ggf. auch auf Entfernung sein. Oder ein Signal, das vom Hund mit Stillstehen bzw. Körperschwerpunkt nach hinten verlagern verbunden ist und das wirklich zum Abstoppen einer Vorwärtsbewegung verwendet wird, dem dann sofort die Aufforderung zu einem anderen Signal wie Absitzen, herkommen usw. folgt. Ich persönlich nutze bei meinem Rüden das Geschirrgriffsignal dazu: aufgebaut habe ich das, in dem ich ankündige, dass ich in den Seitengurt des Brustgeschirrs greife und sofort danach nach hinten gefüttert habe (er liebt Futter als Belohnung sehr). Nach einigen Wiederholungen habe ich beim Griff ins Geschirr Zug nach hinten unten aufgebaut, leicht, und wenn er diesem Zug nachgegeben hat, nach hinten belohnt. Bald war erkennbar, dass die Ankündigung alleine schon eine kleine Rückwärtsbewegung bei ihm ausgelöst hat, die dann nach hinten belohnt wurde. Je nach Erregungslage reicht heute die Ankündigung oder ich greife noch in das Brustgeschirr. Es ist ein erlerntes Signal, der Hund weiß nach der Ankündigung, was kommt und erschrickt sich nicht zusätzlich. Er kann bereits auf die Ankündigung meinerseits das Greifen in das Geschirr verhindern. Und es wurde im Aufbau direkt das Aushalten können der Bewegungseinschränkung vom Menschen honoriert.

Auch Hilfsmittel können durchaus für eine gewisse Zeit sinnvoll sein, wenn es darum geht unerwünschtes Verhalten zu unterbrechen. Eine Schleppleine, die wegen der Verletzungsgefahr immer an ein Brustgeschirr gehört, ist z.B. ein Hilfsmittel, das verhindern kann, dass der Hund mit dem Durchstarten zum Erfolg kommt. Die Schleppleine sollte dabei nicht immer in voller Länge auf dem Boden schleifen, so dass der Hund mit Anlauf in die 10m lange Leine donnert, sondern immer mit leichter Verbindung zum Hund gehalten werden. Man kann bei Leinepöblern evtl. auch die Leine am Brust- und Rückenring des Brustgeschirres einhängen und mit dem vorne eingehängten Leinenende den Hund leichter vom Auslöser wegdrehen, als wenn er nur hinten eingehängt wäre. Maulkorb, Box, Halti können weitere Hilfsmittel sein, die man einsetzen kann.

Man kann also unerwünschtes Verhalten auch ohne scharfes Nein, Körpersprachliches Einwirken auf den Hund, Wurfkette, Wasserspritze, zischen, Schimpfen, nach dem Hund treten, Leinenruck und Co unterbrechen.