Grenzen ganz praktisch

Der ein oder andere hat sich jetzt vielleicht gedacht, das klingt ja alles ganz logisch, ABER…… Ja natürlich gibt es im Alltag mit dem Hund Situationen, in denen es Handlungsbedarf und Klärungsbedarf gibt. Und darauf will ich jetzt auch  mit weiteren praktischen Beispielen eingehen. Ich kann an dieser Stelle Anregungen aber keine ausgefeilten Trainingsanleitungen geben, das heißt in den Beispielen stelle ich Trainingswege vor, wie diese jeweils kleinschrittig erarbeitet werden können, würde hier aber den Rahmen sprengen.

Im Grunde habe ich diesen Punkt oben bei der Frage nach dem Blickwinkel schon erwähnt. Da es aber wirklich wichtig ist, möchte ich auch an dieser Stelle noch mal drauf eingehen. Wenn ein Hund einzieht, ist es sinnvoll, dass sich Hundehalter überlegen, was ihnen im Zusammenleben mit ihrem Hund wichtig ist. Und dabei steht die Frage im Mittelpunkt: welches Verhalten möchten die neuen Hundehalter in welchen Situationen von ihrem Hund erwarten, was brauchen sie ganz individuell für ihre Lebenssituation. Ist es wichtig, dass der Hund vor der Futterschüssel einen Augenblick sitzen soll? Ist es wichtig, dass der Hund mit in Urlaub fahren soll, vielleicht mal bei einem Stadtbummel oder Restaurantbesuch seine Menschen begleiten soll. Soll der Hund an der Wohnungstür absitzen und warten bis er raus darf oder kann er vielleicht direkt in den Garten springen. Ist es gewünscht, dass der Hund auf einer Decke bleibt, wenn Besuch kommt oder darf er direkt hingehen und Hallo sagen. Darf der Hund in alle Räume des Hauses oder nicht? Soll der Hund möglichst viel frei laufen dürfen? Ist es wichtig, dass der Hund schnell lernt, Dinge wieder abzugeben, z.B. weil Kinder im Haushalt leben, deren Spielzeug sonst gefährdet sein könnte. Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, soll nur eine Beispielliste sein. Und dann gilt es zu überlegen,  welches Verhalten kann wie aufgebaut werden. Und es gilt zu überlegen, was ist gleich zu Anfang wichtig und was hat noch bissi Zeit, denn es ist nicht möglich, dass alles auf ein Mal gelernt werden kann, wie wir ja schon vorher besprochen haben.

Wenn Kinder im Haushalt leben und ein Hund einzieht, der gerne alles in den Fang nimmt, ist es oft ein Thema, dass die Hunde das Kinderspielzeug verschleppen, kaputt machen oder versabbern. Hier kann es sinnvoll sein frühzeitig dran zu arbeiten, dass Hunde lernen, dass es sich lohnt, etwas herzugeben: das kann über Tauschen aufgebaut werden, das kann über variantenreiche überraschende Belohnung für freiwilliges Ausgeben von Dingen aufgebaut werden. Und es kann hilfreich sein, Kinderzimmertüren möglichst geschlossen zu halten oder in gewissen Zeiten den Hund in einem abgetrennten Wohnbereich zu betreuen. Wenn jemand keine Kinder hat, ist das vielleicht nicht das wichtigste Thema. Vielleicht ist es für ein Paar ohne Kinder wichtiger, dass der vor dem Spaziergang hochaufgedrehte noch nicht leinenführige Hund möglichst rasch lernt, die vielen steilen Stufen am Haus gemütlich runterzugehen, damit alle heil unten ankommen ohne zu stürzen. Eine Möglichkeit wäre, den Hund auf jedem größeren Treppenabsatz warten zu lassen. Der Mensch streut dazu Futter, solange der Hund das aufsammelt, geht der Mensch zum nächsten Treppenabsatz. Dann darf der Hund auf diesen Treppenabsatz folgen. Und so geht das weiter bis zum Ende der Treppe. Wenn der Hund schon ein bisschen verstanden hat, dass es toll ist, auf dem Absatz zu bleiben, geht der Mensch die erste Stufe und streut als Belohnung für das Warten dann erst das Futter. So kann man sich dann Stufe für Stufe vorarbeiten. Wieder andere müssen den Hund möglichst schnell mit zur Arbeit nehmen können und es steht deshalb in den ersten Wochen an, dass der Hund lernt auf einer Decke länger zu Ruhen. Zuerst wird das auf die Decke gehen belohnt, dann in einem nächsten Schritt das etwas längere verbleiben auf der Decke und das wird immer weiter ausgebaut. Am Besten wird die Decke auch noch mit Entspannung verbunden.

Und es kann hilfreich sein, dass bestimmte Anforderungen immer gleich gehandhabt werden, so dass sich Gewohnheiten bilden. Ich hatte ja schon erwähnt, dass unser Rüde an der Haustür immer absitzen muss, damit er nicht einfach rausspringt. Wir haben angefangen – Hand auf die Klinke legen, Sitz sagen (das konnte er zu diesem Zeitpunkt schon), er setzt sich und die Tür ging auf. Heute setzt er sich von selbst ab, wenn die Hand zur Türklinke geht, weil er eben weiß, dass das immer so ist, es ist zur Gewohnheit geworden, zur Routine. Er muss quasi nicht mehr drüber nachdenken, es hat sich ein gewisser Automatismus entwickelt. Eine andere Gewohnheit, die sich mehr oder weniger unbewusst bei uns eingeschlichen hat ist die, dass Ben und ich angeleint miteinander die Treppe hinuntergehen. Ayleen folgt hinter uns im Freilauf, sie ist schlicht sehr langsam auf der Treppe. Immer auf dem nächsten Treppenabsatz warten wir auf Ayleen, wenn sie auf der letzten Treppenstufe angekommen ist, gehen wir weiter zum nächsten Treppenabsatz. Das hat sich total eingespielt, Ben hält von sich aus an, Ayleen wartet darauf, dass wir vorgehen. Überall da, wo etwas immer gleich ablaufen soll, sind feste Gewohnheiten sehr hilfreich und die beste Art Grenzen zu setzen.

Ein paar Beispiele dafür können sein:

  • Beim Aussteigen aus dem Auto auf ein Erlaubnissignal des Menschen warten und so lange im Auto bleiben
  • feste Abläufe rund um die Fütterung und das Futter richten
  • feste Abläufe beim Ableinen, damit dies in Ruhe ablaufen kann
  • bei mehreren Hunde kann aus praktischen Gründen eine feste Reihenfolgen bei Fütterung, zur Tür rausgehen, ins Auto einsteigen usw. sein. Diese muss nicht bei allen Handlungen dieselbe sein

Es gibt Verhalten, das schlicht gefährlich ist, für den Hund selbst, für andere Tiere oder andere Menschen oder auch den eigenen Mensch. In diesem Fall ist es zielführend über sinnvolle vorausschauende Management-maßnahmen zu verhindern, dass das Verhalten auftreten kann. Zum Schutz aller Beteiligter. Das bedeutet nicht, dass nie daran gearbeitet wird, dass der Hund dieses Verhalten ändert, aber es verschafft Luft dies in Ruhe und wohlüberlegt zu machen. Ein Beispiel dafür: als unser Rüde bei uns eingezogen ist, hatte er ein großes Rucksäckchen an aus unserer Sicht problematischen Verhaltensweisen: wir konnten ihn nicht streicheln oder anfassen, Nähe war insgesamt ein schwieriges Thema, er verteidigte sich selbst und auch seine Ressourcen, er war enorm misstrauisch und auch nicht ganz gesund, andere Hunde wurden bald lauthals verbellt. Weil wir diese Themen nicht alle gleichzeitig angehen konnten ohne ihn und uns komplett zu überfordern, haben wir manche Dinge durch Management geregelt und erst Mal Prioritäten gesetzt, was wichtig ist für unser Zusammenleben. Wir haben ihn beim Fressen in einem abgetrennten Zimmer separiert, auch beim Nagen von Kauartikeln, auch nachts zum Schlafen. All das war Management und hat ihn und uns davor geschützt, dass Situationen entstanden sind, in denen er sich bedroht gefühlt und mit Abwehrverhalten reagiert hat. Es war erst Mal für uns viel wichtiger, dass wir ihm das Brustgeschirr entspannt an- und ausziehen konnten und ihn entspannt an- und ableinen konnten, uns wieder gedankenlos durch die Wohnung bewegen konnten, als dass wir uns ihm am Napf annähern konnten. Irgendwann waren diese Ziele erreicht und wir haben angefangen gezielt daran zu arbeiten, dass wir auch das Zimmer betreten können, in dem er gerade frisst oder dass er bei uns im Schlafzimmer schlafen kann.

Ein weniger dramatisches Beispiel: eine Familie übernimmt einen Hund neu, er kennt noch keinen sicheren Rückruf und zeigt starkes Neugierverhalten, will alles Neue und spannende untersuchen, begrüßen und anschauen. Es macht Sinn diesen Hund so lange über eine lange Schleppleine zu sichern, bis man einen Rückruf aufgebaut hat. Und während des Aufbaus eines Rückrufes macht es Sinn, den Hund erst Mal nur in reizarmen Gegenden abzuleinen, in denen der noch leicht störbare Rückruf weiter gefestigt werden kann. Und überall wo die Verlockungen zu groß sind, bleibt eben ne lange Leine dran. Vor allem und in erster Linie natürlich in einer Umgebung mit Straßen oder Eisenbahngleisen usw. Begleiten sollte man dies dann mit der Überlegung, ob die Schleppleine ausreicht, dass der Hund seinen Bewegungsdrang ausleben kann. Wenn das Bewegungsbedürfnis größer ist, kann für die Leineneinschränkung nach einem Ausgleich gesucht werden. Z.B. durch Flitzespiele an der Leine oder der Möglichkeit auf einer eingezäunte große Fläche dem Hund Freilauf zu bieten, vielleicht sogar mit Hundekumpels zusammen.

Oder wenn ein Welpe einzieht, der einfach noch gerne alles wegfinden und zernagen mag. Neugier- und Erkundungsverhalten zeigt, die Welt eben auch mit dem Maul begreift. Es kann sinnvoll sein, dann alles wegzuräumen, was wirklich wertvoll ist oder was dem Hund schaden kann, wenn er es zerfleddert und vieles zu platzieren, was weggefunden werden und zernagt werden darf. Allemal besser als den lieben langen Tag mit Nein, Schluss, Aus hinter dem Hund herzurennen, was bei Mensch und Hund schnell Frust und schlechte Laune aufkommen lässt und auch nicht wirklich dazu hilft eine gute Beziehung miteinander aufzubauen. Und wir denken daran, Nein ist keine Information welches Verhalten erwünschter wäre. Und natürlich ist es sinnvoll parallel dazu mit einem Welpen daran zu arbeiten, dass er weiß, welches Spielzeug seins ist und er haben darf und ihm wie oben beschrieben beizubringen, dass Abgeben von Dingen toll ist. Das kann man aber nur dann entspannt machen, wenn der Welpe nicht dauernd was im Fang hat, was wertvoll ist oder für den Hund gefährlich.

Menschen denken oft, wenn Sie Managementmaßnahmen ergreifen, würden sie sich nicht ausreichend ihrem Hund gegenüber durchsetzen. Das löst dann schnell Minderwertigkeits- oder Versagensgefühle aus. Ich denke es spricht für kluges umsichtiges planvolles Handeln, wenn Management eingesetzt wird, um kleinschrittiges  Lernen zu ermöglichen und/oder Gefahrenquellen zu vermeiden. Es nimmt Druck und Stress und hilft so dazu, das Training kleinschrittig aufeinander aufbauend angehen zu können. Und wenn die ein oder andere Managementmaßnahme bleibt, wie z.B. unsere Kindergittertür an der Küche, damit wir in der kleinen Küche ungestört kochen können, ist das auch kein Beinbruch, sondern eine gute und stressfreie Lösung für alle Beteiligten, die durchaus auch erlaubt ist.

 Eine weitere Kategorie ist, dass Verhalten unterbunden werden soll, das jetzt gerade aktuell stört, aber nicht grundsätzlich verboten ist. Also ich finde es z.B. durchaus schön, wenn meine beiden sich mal genüsslich auf einer Wiese wälzen. Weniger schön finde ich es, wenn sie sich in einem Güllefeld oder einer Hinterlassenschaft eines anderen Tieres wälzen. Im ersten Fall lass ich es einfach zu, im zweiten Fall fordere ich die beiden auf, mit mir weiter zu gehen oder sich hinzusetzen. Dazu gehört auch das bereits früher aufgeführte Beispiel des küssenden Hundes während der Vorbereitung zum Hundespaziergang. Wenn ich das nicht möchte, setze ich sie z.B. in zwei Meter Entfernung von mir ab. Wenn ich meine Hunde mit ins Büro nehme und Kundenbesuch habe, dann ist es nicht erwünscht, dass die Kunden vom Hund dauerhaft zum Kuscheln aufgefordert werden. Dann schicke ich die Hunde auf ihre Decke, mit einem Signal, bei dem sie wissen, dass sie auf die Decke sollen und bei dem sie wissen, dass es jetzt was länger geht und im Moment Pause ist. Ein Welpenzwerg, der seine abendlichen dollen fünf Minuten hat oder auch mehr, wird aktiv oder passiv entspannt, damit sich die Erregung abbauen kann oder ich streue etwas Futter, wenn der Welpe sich beim einsammeln etwas runterfahren kann. Unterbrochen wird das in dieser bestimmten Situation gerade nicht passende Verhalten durch die Aufgabe etwas anderes zu zeigen, was der Hund schon kann.

Wenn ein Hund noch kaum ein anderes Verhalten zuverlässig kann, regelt man die Situation für den Übergang des Übens durch Management. Ich leine bei Sichtung des Güllefeldes den Hund an und gehe mit ihm daran vorbei. Ich bitte ein Familienmitglied den Hund an der Leine zu halten, bis ich meine Schuhe gebunden habe.  Der Welpenzwerg, der so aufgeregt ist, dass er kaum zu bändigen ist und noch keine Entspannung kennt, kann in seiner Flitzerei eingeschränkt werden, in dem er angeleint wird und vielleicht einen Kauknochen bekommt an dem er seine Erregung abarbeiten kann. Achtung allerdings weil Bewegungseinschränkung sehr frustrierend sein kann und dies wiederum zu hoher Erregung führen kann. Oder man spielt noch an der Leine ne Weile mit ihm, achtet darauf, dass das Spiel immer ruhiger und langsamer wird, in den Bewegungen kleiner, und immer noch weniger und noch langsamer bis die Erregung etwas abgeflacht ist und der Welpe besser zur Ruhe kommen kann. Oder ich bringe den Zwerg in den Garten, wenn das grade passt, und er kann da seine wilden fünf austoben. Oder man mischt diese Möglichkeiten nacheinander, also erst darf er bissi austoben, dann wird gemeinsam langsamer gespielt, das Entspannungssignal genutzt und so übergeführt in ruhigeres Verhalten mit vielleicht zum Abschluss den Kauknochen. Ganz individuell auf den Hund abgestimmt und auch auf die aktuelle Situation, in der das Verhalten auftritt.

Bis jetzt haben wir also darüber gesprochen, wie man Grenzen setzt, in dem man sich dem Übergang zwischen unerwünschten Verhalten und erwünschten Verhalten von der Seite des erwünschten Verhaltens nähert, in dem man folgende Möglichkeiten einsetzt und nutzt:

 

  • Managementmaßnahmen, um unerwünschtes Verhalten gar nicht erst aufkommen zu lassen
  • Grundsätzlich überlegt, welche Verhaltensweisen man für seinen Hund braucht und diese mit ihm kleinschrittig und nacheinander aufbaut
  • Unerwünschtes oder störendes Verhalten unterbricht, in dem man in der Situation ein anderes Verhalten abruft, das der Hund bereits kann oder in das man den Hund locken kann.

Und der ein oder andere ist jetzt vielleicht irritiert oder stellt sich die Frage, warum ich bisher nichts dazu erzählt habe, das man dem Hund

  • doch auch mal zeigen muss, dass es so nicht geht
  • Zeigen muss, dass man der Chef ist
  • Klar machen muss, dass er zu weit gegangen ist
  • Deutlich machen muss, was er falsch macht usw.

Mit all den vorgestellten Möglichkeiten, übernehme ich als Mensch die Führung und Verantwortung darüber, welches Verhalten der Hund wann zeigt. Ich bestimme, welches Verhalten zu welchem Zeitpunkt auftreten kann, welches ich keinesfalls auftreten lassen möchte und welches Verhalten mir besser gefällt. Ich führe sehr wohl. Ja es ist vielleicht nicht das, was allgemeinhin unter Führung verstanden wird, denn ich lasse den Hund nicht absichtlich und vorsätzlich in Verhaltensweisen rennen, die mir nicht gefallen, um diese dann zu unterbinden oder zu hemmen. Ich nähere mich der Frage nach den Grenzen bzw. Regeln im Zusammenleben mit dem Hund eben von dem Blickwinkel aus, dass ich gestalterisch bestimme, welche Verhaltensweisen ich haben möchte und nutze die Bedürfnisse des Hundes als Belohnungsmöglichkeit für das von mir bevorzugte Verhalten. Und konzentriere mich nicht zerstörerisch darauf welche Verhaltensweisen ich bestrafen und ausrotten möchte. Deshalb bestimme ich dennoch sehr direktiv, was ich haben will und ich bestimme auch welche Freiheiten ich meinem Hund lasse oder auch nicht, welche Bedürfnisse ich ihm erfüllen will und kann und welche nicht. Mir persönlich ist es wichtig, dass es meinem Hund gut geht, dafür müssen auch seine Bedürfnisse so weit es eben irgend geht befriedigt werden. Die Befriedigung seiner Bedürfnisse ist aber auch, wenn wir ehrlich sind, eigennützig für uns Menschen, weil wir damit unser Training erfolgreich und nachhaltig gestalten können und unerwünschtes Verhalten verhindern können.