Grenzen- eine Frage des Blickwinkels?

Eine spannende Frage ist es finde ich auch, ob es vielleicht nicht auch eine Frage des Blickwinkels ist, ob man das Gefühl hat, dass es wichtig ist jetzt Grenzen zu setzen oder wünschenswertes Verhalten aufzubauen.

Ein bisschen kommt es wohl auch auf den eigenen Blickwinkel an, wenn es um das Thema Grenzen setzen geht. Wenn die Konzentration darauf liegt, unerwünschtes Verhalten zu verändern, warten viele Menschen ab, bis unerwünschtes Verhalten vom Hund gezeigt wird, um dann klarzustellen, dass das nicht gewünscht ist. Sie setzen also dann eine Grenze, schränken ein, verbieten. Egal wie sie das tun, Nein sagen, Körpersprache einsetzen, ein Abbruchsignal einsetzen, wollen Sie damit Verhalten des Hundes beeinflussen. Er soll das unerwünschte Verhalten weniger häufig oder gar nicht mehr zeigen. Damit befinden wir uns im Bereich des Lernens und zwar im Bereich der lerntheretischen Strafe, weil Verhalten weniger werden soll. Dazu später noch ein bisschen mehr.

Grundsätzlich könnte man sich ja aber auch von der anderen Seite dieser Grenze oder dem Übergang (der Grenze) zwischen erwünschtem und unerwünschten Verhalten nähern. Denn immer bevor ein Hund unerwünschtes Verhalten zeigt, gibt es noch den Moment, in dem er noch Verhalten zeigt, das o.k. ist.  Konzentriert man sich darauf, erwünschtes Verhalten zu verstärken, zu belohnen wird ein Hund automatisch dieses Verhalten häufiger, länger, intensiver zeigen. Damit wird unerwünschtes Verhalten von selbst weniger.

Es macht einen großen Unterschied, wie wir unsere Trainingsziele formulieren. Formulierungen wie z.B

  • Er –also der Hund- soll nicht an der Leine ziehen
  • Er soll nicht hochspringen
  • Er soll nicht bellen

verleiten unweigerlich dazu, darauf zu warten bis dieses Verhalten gezeigt wird, um es dann zu unterbinden. Sprache formt Vorstellungen und Bilder in unserem Kopf. Der Hund soll nicht ziehen, löst eher die Vorstellung eines ziehenden Hundes aus, die dann durchgestrichen werden muss. Nahezu automatisch reagiert der Mensch dann erst auf das Ziehen des Hundes.

Formuliert man die Trainingsziele so, dass sie das Verhalten des Hundes beschreiben, das man vom Hund gerne haben möchte, verändert sich der Blickwinkel, unser Fokus. Die Formulierungen machen deutlich, was wir wirklich von unserem Hund möchten und lauten dann also z.B.

  • Er soll an lockerer Leine gehen
  • Er soll mit vier Pfoten auf dem Boden bleiben
  • Er soll still sein

Sie öffnen damit erst den Blick dafür, dieses Verhalten überhaupt wahrzunehmen, solange der Hund es von sich aus noch zeigt. Und wenn das Verhalten als Leistung des Hundes  -und nicht mehr als Selbstverständlichkeit -wahrgenommen wird, kann es auch vom Menschen belohnt werden. Denn es gibt immer den Moment, wo der Hund noch an lockerer Leine läuft, noch alle vier Pfoten auf dem Boden hat oder still ist.

Beim Belohnen des erwünschten Verhaltens macht es Sinn darüber nachzudenken, was für den Hund die bedürfnisbefriedigende Belohnung ist. Meist findet man das gut heraus, wenn man in diesen Fällen überlegt, welches Bedürfnis hinter dem ziehen, dem hochspringen dem Bellen stecken könnte. Beim Hochspringen geht es vielen Hunden darum, den Menschen zu begrüßen, Kontakt zu bekommen, soziale Interaktion herzustellen. Also kann der Hund für das mit vier Pfoten auf dem Boden bleiben genau damit belohnt werden, dass er die Aufmerksamkeit des Menschen bekommt, wenn er das mag gekuschelt wird, mit ihm gesprochen wird usw. Dann ist sein Bedürfnis erfüllt und er muss quasi nicht mehr hochspringen.

 

So macht das Training für Mensch und Hund viel mehr Spass und ich gestalte dennoch eine Grenze. Denn der Hund wird lernen immer länger, bei immer höherer Ablenkung an lockerer Leine zu gehen, er wird immer besser mit 4 Pfoten auf dem Boden bleiben können und er wird in immer mehr Situationen auch still sein können. Durch Ausbauen und Formen von Verhaltensweisen, die wir haben wollen, setzen wir auch Grenzen. Nur eben unter einem anderen Blickwinkel.