Grenzen durch Verhaltenshemmung

 Nun bleibt also die Frage zu klären, ob man im Leben mit Hunden ganz ohne Verhaltenshemmung auskommen kann. Ich glaube, wenn man dieser Frage in allen Einzelheiten und Besonderheiten nachgehen wollen würde, wäre das ein eigener Abendfüllender Vortrag.

An dieser Stelle deshalb nur ein kurzer Ausflug in die Lerntheorie, um noch mal klar zu definieren, was Verhaltenshemmung meint. Verhalten zu hemmen bedeutet, dass Verhalten seltener, weniger intensiv, gar nicht mehr auftritt. Dies kann über zwei Wege erreicht werden:

  • Verhalten wird dann gehemmt, wenn aus Hundesicht etwas unangenehmes dazu kommt. Beispiel: Hund frisst einen Kothaufen und der Mensch wirft eine Wurfkette neben ihn und der Hund erschrickt sich. Um das zukünftig zu vermeiden, wird er seltener Kot fressen. Der Fachbegriff dafür ist positive Strafe
  • Verhalten wird auch dann seltener, wenn erstrebenswertes nicht erreicht wird. Hund springt an seinem Menschen hoch, weil er unbedingt den Ball haben möchte. Das gelingt nicht. Irgendwann wird der Hund die Erfolglosigkeit seiner Strategie Hochspringen erkennen und diese seltener oder gar nicht mehr zeigen. Der Fachbegriff dafür ist negative Strafe

Hundeverhalten über Verhaltenshemmung wirksam zu steuern, ist gar nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht.

Es müssen etliche Regeln eingehalten werden: ein unerwünschtes Verhalten, das über Hemmung abgebaut werden soll, muss immer wenn es auftritt unterbrochen werden und zwar sobald es auftritt. Wenn das nicht so ist, lernt der Hund, dass er ab und zu das Verhalten doch zeigen kann. Er lernt z.B. sehr schnell, dass er den gefundenen Kothaufen durchaus verspeisen kann, wenn der Mensch noch außerhalb der Wurfweite ist. Eine verhaltenshemmende Maßnahme muss angekündigt werden, damit der Hund langfristig die Chance hat, sich in seinem Tun zu unterbrechen und etwas anderes zu machen. Und dafür wiederum muss er mindestens ein anderes Verhalten vorher gelernt haben, das er dann zeigen kann. Es wäre also u.U. der kürzere Weg dem Hund am Kothaufen gleich ein Sitz zu sagen, statt vorher etwas nach ihm zu werfen.

Verhaltenshemmung macht nur bei Verhalten Sinn das grundsätzlich verboten ist. Der Hund kann nicht einordnen, warum es manchmal für den Menschen völlig in Ordnung ist, dass er auf das Sofa geht und manchmal nicht – z.B. weil er nass und dreckig ist- und dann dafür bestraft wird, wenn er hochgeht. Das schafft eine Erwartungsunsicherheit, keine gute Grundlage für ein sicheres und schönes Zusammenleben, wenn man nie weiß, wie der andere einzuschätzen ist.

Verhaltenshemmung kann eine Reihe von Nebenwirkungen haben. Es kommt sehr häufig vor, dass der Schreck, der Schmerz, der Frust mit anderen Reizen, die gleichzeitig in der Situation da sind, in der das Verhalten auftritt, verknüpft wird. Ein Hund, der an einen Weidezaun kommt und sich vom Stromschlag erschrickt, hat häufig Angst vor den Tieren hinter dem Zaun oder manchmal auch vor dem Ort und nicht zwingend vor dem Zaun. Wenn Verhalten viel eingeschränkt und gehemmt wird erzeugt das Frust. Frustration führt zu einem Erregungsanstieg. Wenn viel und hart gestraft wird, entsteht Angst und eine hohe Stressbelastung, wann die nächste Einwirkung kommen wird, auch dies führt zu einem Erregungsanstieg. Hohe Erregung ist wiederum eng damit verbunden, dass aus menschlicher Sicht unerwünschte Verhaltensreaktionen wie Jagen, Aggression und co wahrscheinlicher werden.

Das ist sehr knapp dargestellt, wer Lust dazu hat, sich mit den Vor- und Nachteilen der verschiedenen Lernformen zu beschäftigen kann dazu das kostenlose Webinar bei www.dog-ibox.com Lernen durch Erfolg und Misserfolg hören.

 Alle Bestrafungs-möglichkeiten können in einem Kontinuum zwischen sehr mild und nebenwirkungsarm und extrem aversiv und nebenwirkungsträchtig eingeordnet werden. Dabei ist es sehr vom individuellen Hund abhängig, was dieser als wenig beeindruckend, mild aversiv empfindet und was er als sehr erschreckend/unangenehm, extrem aversiv empfindet. Als Ayleen bei uns eingezogen ist, war für sie die kleinste Spannung auf der Leine extrem beängstigend, sie blieb sofort stehen, drückte den Bauch Richtung Boden und fiel quasi in sich zusammen. Unsere Selma reagiert sehr schnell mit Meideverhalten auf eine angespannte, laute, aufgeregte Stimme. Dabei spielt es noch nicht mal eine Rolle, ob sie direkt angesprochen wird oder ich meinem Mann einfach aufgeregt und angespannt von etwas berichte. Meine Einschätzung, dass das jeweils gar nicht schlimm war bzw. ja gar nicht der Hund gemeint war, ist dabei völlig irrelevant, weil es bei den beiden Hunden deutlich sichtbar großes Unwohlsein ausgelöst hat.

Das bedeutet, wenn man Grenzen über Verhaltenshemmung also über aversive Reize setzen möchte, muss man sich als Hundehalter sehr genau mit den Regeln für Bestrafung beschäftigen und damit, welche Reize vom eigenen Hund wie stark empfunden und bewertet werden, um unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden. Zusätzlich muss ein Verhalten mit dem Hund aufgebaut werden, das man dann nach Abbruch durch den aversiven Reiz, abrufen kann. Im Grunde ist das auch nicht weniger aufwendig, als sich darüber Gedanken zu machen, wie man erwünschtes Verhalten gut aufbauen kann, welches man wirklich für das Zusammenleben mit seinem Hund braucht und wie man das mit den Bedürfnissen des eigenen Hundes in Einklang bringt. Es ist für uns schlicht nur ungewohnter, fremder, weil wir alle in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, in der auf die Fehler geachtet wird. In der Schule werden Fehler angestrichen, der Chef meckert am Arbeitsplatz bei schlechter Leistung, im Radio und Fernsehen kommen die Schreckensmeldungen, man sagt den eigenen Kindern oder Partnern, was einen stört und nervt. Das Gute, Angenehme, Schöne wird als Selbstverständlich hingenommen. Und so fällt uns das schlicht leichter auch im Umgang mit unseren Hunden, weil es vertrauter ist, weil es gewohnheitsmäßig abläuft. Es anders zu machen erfordert ein Umdenken und Neusortieren, eine Veränderung des Blickwinkels. Und das ist nicht immer einfach.