Gibt es Grenzen für das Setzen von Grenzen?

Grade haben wir besprochen, dass Grenzen verschoben oder auch abgebaut werden können. Gibt es dafür auch Grenzen?

Jedes Lebewesen, das auf die Welt kommt, bringt bereits bei der Geburt gewisse Ausprägungen, Eigenschaften – ich nenn das jetzt mal Persönlichkeitsmerkmale- mit. Manche Hunde sind neugieriger vielleicht sogar übermütiger als andere, manche scheuer, ängstlicher. Manche lassen sich schnell von Null auf Hundert fahren, andere brauchen sehr lange bis sie sich aufregen. Da können Rassetendenzen eine Rolle spielen.  Manche können Misserfolge lange gut wegstecken ohne besonders auffällig frustriert zu sein, andere sind sehr schnell frustriert, manche können Frustration recht gut aushalten und kompensieren, manche können das kaum oder nur sehr sehr schwer. Innerhalb dieses individuellen Persönlichkeitsrahmen können die Eigenschaften modifiziert werden durch Training, aber sie können nicht einfach komplett verändert werden. Ein Hund mit einer schnell ansteigenden Erregungskurve, wird nie so ruhig und gemütlich werden, wie ein Hund, der ohnehin recht langsam erregt wird. Hier zu erwarten, dass man durch das Setzen von Grenzen etwas ändern könnte, ist ein Irrglaube. Ein leicht erregbarer Hund wie unser Ben kann sicher lernen durch Entspannungstraining, durch angepasste Beschäftigung und ausreichend Ruhezeiten, nicht hochexplosiv zu sein. Er wird allerdings nie die Gelassenheit erreichen, die unsere Eika Zeit ihres Lebens ausgezeichnet hat.

Es macht nur Sinn Grenzen zu setzen für Verhalten, was vom Hund auch willentlich steuerbar ist. Verhaltensreaktionen basierend auf z.B. Angst- oder Schreckreaktionen, die willentlich nicht steuerbar sind, können nicht begrenzt werden, weil sie automatisch ausgelöst werden und nicht willentlich steuerbar sind. Es kann dann an den auslösenden Bedingungen gearbeitet und was verändert werden und/oder an den Konsequenzen, die das Verhalten für den Hund dann im operanten Lernbereich hat. Dass es ausgelöst wird, kann nicht verboten werden.

Wenn wir dabei bleiben, dass wir Menschen unseren Hunden immer dann Grenzen setzen wollen, wenn diese ein aus unserer Sicht unerwünschtes Verhalten zeigen, sollte immer mit bedacht werden, dass eine Reihe solcher Verhaltensweise auch durch Faktoren ausgelöst werden können, die durch den Hund nicht beeinflussbar sind. Dazu gehören z.B. Krankheiten. Hunde, die z.B. starke Ohrenschmerzen haben, lassen sich u.U. nicht gerne an den Ohren streicheln, könnten sogar abschnappen, wenn das jemand tut, schlicht weil es weh tut. In diesen Fällen muss schlicht die Ohrentzündung behandelt werden und es geht nicht darum, dem Hund eine Grenze zu setzen, dass er das nicht darf. Mir hilft immer das Wissen, dass aus Hundesicht Verhalten immer eine bestimmte und in dem Moment sinnvolle Funktion hat. Aus Hundesicht ist Verhalten immer sinnvoll und logisch, aus ihren Bedürfnissen an die Situation angepasst. Ich als Mensch mit der Möglichkeit Situationen zu hinterfragen, zu überdenken, zu reflektieren bin dann in der Pflicht herauszufinden, warum der Hund so gehandelt hat. In unserem Beispiel wäre es also Aufgabe des Menschen daran zu denken, dass Schmerzen als Ursache für das Abschnappen in Frage kommen. Und es ist ebenfalls die Verantwortung des Menschen Abhilfe zu schaffen und dafür zu sorgen, dass es auch aus Hundesicht keinen Grund mehr gibt für das gezeigte Verhalten. In unserem Beispiel wäre das ein Tierarztbesuch und eine Behandlung der Ohren und damit Schmerzfreiheit des Hundes. Um Missverständnissen vorzubeugen: es geht in diesem Beispiel nicht darum, Knurren und schnappen zu verharmlosen. Wenn ein Hund knurrt oder schnappt, sollte dies selbstverständlich vom Hundebesitzer sehr ernst genommen werden und darauf reagiert werden. Aber die Reaktion sollte nicht darin bestehen, den Hund für das Abwehrverhalten zu bestrafen, sondern in der Überlegung, warum der Hund das Abwehrverhalten zeigt. Wenn der Grund gefunden ist, kann darauf mit Training oder eben einer medizinischer Behandlung reagiert werden, damit es zukünftig keinen Grund mehr für den Hund gibt, dieses Verhalten zu zeigen. Auch andere Erkrankungen wie SD-Fehlfunktionen, Bluthochdruck, oder schmerzhafte Erkrankungen des Bewegungsapparates usw. können zu übererregten Verhaltensweisen führen, zu Konzentrationsschwächen oder auch zur Verweigerung der Mitarbeit im Training. Dies dann durch Strafe zu begrenzen wäre nicht zielführend und auch unfair.

Wenn ein Hund ein bestimmtes Verhalten immer wieder zeigt, wird es von irgendwoher verstärkt. Manchmal sind das nicht wir selbst, sondern Faktoren, die wir nur schlecht beeinflussen können. Jeder Welpenbesitzer kann ein Lied davon singen. Sie versuchen in richtiger Fleißarbeit ihrem Hund beizubringen, nicht an Menschenbeinen hochzuklettern oder gar zu springen. Da die Zwerge aber so süß und niedlich sind, werden sie von anderen Menschen sehr sehr häufig eben beachtet, gestreichelt, bespielt, wenn sie Kontakt aufnehmen und eben auch oder gerade dann, wenn sie an den Menschenbeinen hochkraxeln. Und jeder Welpenbesitzer weiß, wie sehr seine Erziehungsversuche in diesem Fall durch die Mitmenschen begrenzt werden und wie schwierig es ist, die Mitmenschen dazu zu motivieren, sich anders zu verhalten. Ein anderes Beispiel sind Hunde, die an der Leine ziehen. Wie oft und wie schnell passiert es, dass die Hunde etwas spannendes entdecken, losstürmen und die Menschen an gespannter Leine ein paar Schritte mitziehen, bis der überraschte Mensch einen festen Stand hat. Zu diesem Zeitpunkt hat der Hund aber bereits das attraktive Ziel erreicht und kann da schnüffeln oder dem Hundekumpel Hallo sagen und wird somit für das Leineziehen belohnt. Auch wenn das natürlich nicht die Absicht des Menschen war und im Alltag auch rasend schnell passieren kann. Hier geht es nicht darum, umsichtig zu trainieren, dass diese ziehenden Erfolgserlebnisse möglichst ausbleiben und der Hund lernt, dass er nur an lockerer Leine an das erstrebenswerte Ziel kommt. Und dafür muss der Mensch bei sich anfangen, damit er nicht mehr von solchen Attacken überrascht wird und sich mitziehen lässt. Wenn der Mensch solche Situationen rechtzeitig erkennt, kann er z.B kurz nen Blickkontak bei seinem Hund abfragen und ihn dann ggf. als Belohnung an lockerer Leine zur Ablenkung begleiten oder die Leine für die kurze Strecke fallen lassen.

Wenn Hunde aus einer Haltung kommen, wie unsere Ayleen z.B., in der sie nichts kennen lernen konnten, nicht lernen konnten, zu lernen, vernachlässigt wurden, kann dies zu Entwicklungsverzögerungen oder -schädigungen -manchmal auch Deprivation genannt- führen. Das kann je nach Ausprägung auch weiterhin das Leben und Lernen des Hundes beeinflussen, wenn er im neuen Zuhause ist. Wenn so ein Hund lange nicht Stubenrein wird, macht es keinen Sinn ihm mal seine Grenzen zu zeigen und z.B. mit der Zeitung auf den Po zu klopfen oder jedes Mal laut Nein zu rufen. Sinnvoll wäre stattdessen dran zu denken, dass es dem Hund vielleicht wirklich große Mühe macht, neue Verknüpfungen im Gehirn zu bilden für das zu lernende Verhalten rausgehen und draußen Pippi machen und es deshalb so viel Zeit in Anspruch nimmt.

Immer wieder beobachte ich, dass Hundebesitzer in sehr kurzer Zeit sehr viel von ihren frisch eingezogenen Hunden erwarten. Das gilt sowohl für Welpen als auch Tierschutzhunde. Wenn diese Hunde bei ihren Menschen einziehen, müssen sie ganz viel Neues kennen lernen. Die neue Umgebung, die neuen Menschen, ggf. die neuen Hunde"geschwister", den neuen Tagesablauf, die einschränkenden Regeln/Grenzen sowie die erlaubnisgebenden Regeln und häufig auch jede Menge neuer Signale. Dabei erlebe ich immer wieder, dass sich Hundehalter unter einen enormen Druck setzen, dass die Hunde möglichst alles total schnell lernen. Dabei überfordern sie häufig sich selbst genauso wie den Hund, den sie bei sich aufgenommen haben. Und ganz schnell passiert es, dass der Hundealltag von "Neins"- also Einschränkungen- bestimmt wird. Hier ist weniger oft sehr viel mehr. Ein Hund muss nicht alles, was wichtig ist, in den ersten Wochen lernen. Auch hier gilt es erst Mal genau zu schauen, was braucht dieses Hunde-Mensch-Team möglichst schnell, alles andere hat Zeit und kann verschoben und durch Management gelöst werden. Kindergitter können helfen, dass Hunde nicht die Küche entern und alles klauen, was auf der Arbeitsfläche herumliegt. Absperrungen im Garten können helfen, dass nicht das gesamte Blumenbeet ausgebuddelt wird. Eine längere Leine verhindert Ausflüge bei ausreichendem Bewegungsspielraum. Getrenntes Füttern bei Mehrhundehaltung verhindert Schlingen oder Streitereien am Napf. Hochstellen des Katzenfutters verhindert, dass der Hund das Katzenfutter dauernd leer frisst. Wenn die ersten wichtigen Dinge gelernt sind, die erste Aufregung des Einzugs sich gelegt hat, kann dann nach und nach an den weiteren Notwendigkeiten gearbeitet werden. Manchmal hat es sich dann auch erledigt, weil diese Dinge vielleicht schon gar nicht mehr so spannend sind oder andere Gewohnheiten entstanden sind, die dieses Verhalten ausschließen.